Der virtuelle Grand Prix

12. Oktober 2003, 20:28
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AVL List kann schon auf dem Motorenprüfstand Auto, Strecke und Fahrer simulieren

Wenn Michael Schumacher nächsten Freitag in Suzuka in sein Auto steigt, um seinen sechsten WM-Titel abzuholen, dann ist ein guter Teil der Abstimmungsarbeit schon geschehen, und zwar ohne dass der Ferrari und sein Pilot auch nur einen Meter auf der Strecke gefahren wären. Dahinter steckt eine komplexe Simulationssoftware, die von der Grazer Hightechfirma AVL List entwickelt wurde und die ein "wesentlicher Beitrag zum Erfolg von Michael Schumacher und Ferrari ist", wie Ferraris Motorenchef Paolo Martinelli sagt - ein im verschwiegenen Formel-1-Business seltenes Bekenntnis zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit.

Das so genannte VSM (Vehicle Simulation Model) ist in der Lage, schon am Motorenprüfstand das Auto, die Strecke und den Fahrer in Echtzeit zu simulieren und das Fahrverhalten mit der ebenfalls von der AVL entwickelten Software Drive zu bewerten. Denn abgesehen von den harten Fakten wie etwa Leistung oder Aerodynamik spielt die Fahrbarkeit eines Rennwagens die entscheidende Rolle für schnelle Rundenzeiten - über die gesamte Renndistanz. Peter Schöggl, Leiter der Driveability/Racing-Entwicklung bei der AVL: "Es geht darum, einen Rennwagen so lange, so nahe und so einfach wie möglich am Limit zu bewegen."

Zu den speziellen Talenten der AVL-Entwicklung gehört daher auch die Simulation des jeweils individuellen Fahrstils. Da Formel-1-Piloten ebenso sensibel wie von sich überzeugt sind, ist es ratsam, eher am Motor als am Fahrstil des Piloten etwas zu ändern. Ein ruhiger Gasfuß verlangt nach einer latenten Gemischanreicherung, mit der wiederum ein eher nervöser Fahrer keine ordentliche Rundenzeit hinbekommen würde.

Die bislang letzte Entwicklung der AVL war die Integration der Traktionskontrolle in die Simulation, ein hochdynamisches Teil mit Auswirkungen auf das gesamte Auto. Wird die Traktionskontrolle nämlich zu stark eingesetzt, also in einer Kurve zu früh zu viel Gas gegeben, belastet dies Motor, Reifen, Auto und Verbrauch gleichermaßen. Dank der neuen AVL-Software wissen die Ferrari-Techniker nun schon im Voraus, wie das Auto reagieren wird, wo es unter- oder übersteuern wird, und können Motor und Traktionskontrolle optimal darauf abstimmen. Was nicht nur der Schnelligkeit dient, sondern auch der Haltbarkeit: ein zentraler Punkt, will man die WM gewinnen. Die Frage, wie sehr sich Simulation und Wirklichkeit decken, will Schöggl nicht beantworten: "Es kommt nicht so sehr darauf an, am Prüfstand Rundenzeiten auf die Hundertstelsekunde genau zu treffen. Wichtiger ist, dass eine Zehntelsekunde, die man am Prüfstand findet, auf der Strecke tatsächlich ein Zehntel Zeitgewinn bringt." (Markus Honsig/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 10. 2003)

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