Formel 1 auf steirischer Welle

12. Oktober 2003, 20:28
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Dominanz britischer Autohersteller und Spezialisten - doch mittendrin ein österreichisches Unternehmen

Was haben Schumis Ferrari und der Helikopter von US-Präsident George W. Bush gemeinsam? In beiden Fortbewegungsmitteln finden sich Komponenten des Rennsport-und Luftfahrtausrüsters Pankl Racing Systems. Beim Präsidentenhubschrauber ist zum Beispiel der Hauptrotormast made by Pankl. Wenn um rasend rotierende Hightech-Bauteile geht, kommt weltweit kaum ein renommierter Rennstall, kaum ein Helikopterhersteller an Pankl vorbei.

Dabei geht es in der Formel 1 (F1), ähnlich wie bei Serienautos, zunächst ums Gewicht: je leichter, desto besser. Zudem verlangt der Rennsport nach immer rasanter rotierenden Teilen, und beides beherrscht Pankl offenbar so gut, dass über die Hälfte aller Spitzenteams der Königsklasse mit steirischen Hightech-Komponenten bestückt sind. Wer genau, ist streng gehütetes Geheimnis. Dass auch Weltmeister Ferrari dabei ist, gilt in der Branche aber als offenes Geheimnis. Zudem ist man bei den US-Rennserien (Cart, IRL, Nascar) überdurchschnittlich stark vertreten.

Derzeit entwickelt sich die Firma zum Systemlieferanten. Pleuel, Kurbelwellen, Halbachsen sind das Hauptgeschäft, künftig sollen der gesamte Kurbeltrieb und die kompletten Rennsportgetriebe aus einer Hand kommen, Pankls Racing-Segment ist unterteilt in Motorsysteme sowie Fahrwerks- und Antriebssysteme. Für Projekte wie Kurbeltrieb und Renngetriebe fallen übrigens die höchsten Entwicklungsaufwendungen seit Bestehen der Firma an, heuer 5,6 Millionen Euro.

Montiert werden die Getriebe in Kapfenberg, wo am Freitag das neue Kompetenzzentrum für Fahrwerks- und Antriebssysteme eröffnet wurde - um die Synergien aus Motorsport und Luftfahrt zu nutzen. Einer von sechs "Produktionsinseln" ist bereits den Getrieben vorbehalten, wobei man laut Pankl-Vorstand Ernst Wustinger folgenden Zeitplan verfolgt: Der Prototypenbau läuft bereits. Erste größere Komponenten sind "vor Weihnachten" serienreif. 2004 gehen dann erste Systeme für die Formel 3 in den Einsatz, und 2007 sollte das erste Pankl-F1-Getriebe startbereit sein.

Warum Pankl solche Erwartungen in den Rennsportgetriebebau setzt, hat folgenden Grund: Derzeit dominiert ein Hersteller aus Großbritannien den Markt. Vor allem kontinentaleuropäische Rennställe kämen mit deren Mentalität oft schwer zurecht, es gäbe also großes Interesse in der Branche nach einem alternativen Anbieter. Dabei strotzen die Steirer vor Selbstbewusstsein: Was die Briten können, können wir schon lange, das etwa ist der Tenor. So sei man bereits jetzt in der Lage, Getriebe um fünf Prozent leichter zu bauen als die Konkurrenz.

Generell wird im Motorsport mit extrem kurzen Produktzyklen von wenigen Monaten operiert. Wustinger dazu vor zwei Jahren: "Wir zerstören unser eigenes Produkt durch ein neues, höherwertiges." Wie radikal die Schlankheitskur tatsächlich ist, macht das Beispiel Kardanwelle klar: Innerhalb eines Jahrzehnts wurde hier das Gewicht von zwölf auf drei Kilogramm reduziert. Um dem minimal-maximalen Anforderungsprofil - immer schlanker, immer rasanter - zu entsprechen, sind umfangreiche materialtechnologische Schritte erforderlich, wobei die Firma mit allen dafür nötigen Materialien (Titan, Carbon-composite, Stahl- und Alu-Legierungen) hantiert.

Hohe Anforderungen

Für die Mitarbeiter bedeutet dies extreme Anforderungen. Liegt ein neuer Auftrag an, wird rund um die Uhr gearbeitet. Die Wege zwischen Forschung, Entwicklung (F & E) und Produktion sind sehr kurz, der F-&-E-Aufwand ist überproportional hoch: Gut zehn Prozent an Mitarbeitern, Ausgaben und Kosten macht der Bereich aus (Schnitt sonst: zwei bis drei Prozent).

Beim Getriebe arbeitet eine zehnköpfige Gruppe am Projekt. Es wurde extra ein britischer Spezialist angestellt, der 20 Jahre lang in der Formel 1 tätig war und das Team seit Mai 2003 auf Vordermann bringt. Ein zweiter F1-Spezialist wird zur ständigen Beratung beigezogen.

Eine besondere Herausforderung ist neuerdings auch das Thema Dauerhaltbarkeit. Ab 2004 gilt in der F1 die Einmotorenregelung. Dann werden zwar weniger, aber auch höherwertige Komponenten verkauft. Dass der Ertrag dennoch stimmt, umschreibt man bei Pankl so: "Wir wollen nicht billiger, sondern kompetenter sein." Nur einen ganzen Formel-1-Motor made by Pankl gibt's auch weiterhin "leider nicht". (Andreas Stockinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 10. 2003)

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