Weiblichkeit, modern interpretiert

6. Oktober 2003, 20:43
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Mode in Mailand: Jil Sander kehrt zurück - Neues von Dolce & Gabbana und Ferré

Peter Bäldle aus Mailand

Mit Jil Sanders erstem Defilee nach ihrem Weggang aus der Mode vor drei Jahren gingen in Mailand die Designerpräsentationen für Frühjahr/Sommer 2004 zu Ende.

Unbestritten war dies der mit Spannung erwartete Höhepunkt der Saison, zu dem nur zirka dreihundert handverlesene Journalisten und Einkäufer geladen waren, aber auch Patrizio Bertelli, Prada-Boss und Eigentümer von Sanders Firma, mit dem sich die Designerin einst überworfen hatte. Nun demonstrierte sie, souverän und spielerisch zugleich, mithilfe der Diskretion ihrer Entwürfe, wie viel Power in der Stille vorhanden sein kann.

Natürlich war auch bei ihr eine modern interpretierte Weiblichkeit das zentrale Thema. Doch wo ihre männlichen Kollegen Korsagen, Kurvenschnitte und Kilometer wehenden Chiffons bemühten, begnügte sie sich mit sensibel konzipierten Kleidchen aus delikaten Stoffen mit oft überraschenden Details.

Renaissance-Ranken

Einmal waren es gerissene Kanten an Seiden, dann wieder filigrane Empire-Taillen oder rosettenähnlich drapierte Puffärmelchen an lang gezogenen, schlanken Jacken. Zu knielangen, am Bund angekrausten weiten Röcken kombiniert, gaben sie dem Kostüm eine neue Proportion. Sanders Farben: hell, schattiertes Weiß und Creme, unterbrochen von Pfirsich und sanftem Grün. Aufgedruckte Renaissance-Ranken in verblasstem Gold wirkten fragmentarisch, erinnerten immer wieder an die Fresken in den Mailänder Palazzi.

"Crazy for Prints" lautete hingegen das Motto beim Power-Duo Dolce & Gabbana, bei denen sich leuchtende Pinselblumen auf Chiffons mit Streifen und Jugendstilranken auf Strumpfhosen mischten. Weiblichkeit sah Italiens beste Boygroup wohl eher kaleidoskopisch. Und so flirtete ein Minikostüm in Goldlamé mit den Sixties, erinnerten flatterhafte Plisseevolants an die Seventies, während ein eng gegürtetes, breitschultriges Westernkostüm mit langen Buffalo-Bill-Fransen aus weißem Leder die Eighties vertrat.

Hollywoods Filmgöttinnen hingegen waren die Vorlage für eine Reihe dramatischer Abendkleider, die auf blumenumrankten Spiegelpodesten das Finale bestritten.

Aztekensonne

Dieses konnte nur noch Gianfranco Ferré überbieten, der, von Mexiko inspiriert, das Motiv der Aztekensonne in den Mittelpunkt seiner Kollektion stellte. In Perlmutt ließ er sie auf cayennerote Lederspenzer sticken, in Strass funkelte sie auf den feurigen Seiden seiner Abendkleider. Trotz der Farben von Chili, Paprika und Safran wurden sie an Schärfe von Ferrés Hosenanzügen noch überboten. In der Rasanz von deren Zuschnitt offenbarte sich Ferrés wahre Meisterschaft, auch wenn seine opulenten Roben gar zu schön anzusehen sind.

Dass es auch ganz anders geht, bewies der junge Bernhard Willhelm aus Ulm, der in Antwerpen lebt, in Paris seine eigene Mode zeigt und in Mailand die zweite Prêt-à-porter für das legendäre römische Couture-Haus Capucci präsentierte. Was dabei am meisten beeindruckte, war die Selbstverständlichkeit, mit der Willhelm nie zuvor gesehene, komplizierte Schnitte in weiche Volumen übersetzte. Damit wurde er sowohl den Stoffskulpturen Roberto Capuccis gerecht als auch den Anforderungen, welche die Modernität unserer Zeit an die Weiblichkeit stellt.

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