Dauerhafter Horror

14. Oktober 2003, 19:16
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Israel lässt nach dem Attentat von Haifa Arafat links liegen und wendet sich Syrien zu - Gudrun Harrer

"Enduring Horror" nennt das Magazin The Jerusalem Report seine Titelgeschichte im September, zwei Jahre, nachdem die USA nach dem 11. September 2001 ihre weltweite Operation gegen den Terror unter dem Titel "Enduring Freedom" gestartet haben. Die zweite palästinensische Intifada ist drei Jahre alt, und wieder haben am Wochenende die orthodoxen jüdischen Rettungskräfte der "Zaka", um die es in dem Artikel des Jerusalem Report geht (sie suchen alle noch so kleinen Leichenteile, damit diese bestattet werden können), einen ihrer herzzerreißenden Einsätze gehabt.

Im September hat sich außerdem der Handschlag zwischen Yitzhak Rabin und Yassir Arafat vor dem Weißen Haus zum zehnten Mal gejährt, der Jom-Kippur-Krieg heute, am 6. Oktober, zum dreißigsten Mal. Ihm folgte im September 1978 - also vor 25 Jahren - das Camp-David-Abkommen zwischen Israel und Ägypten (das nicht nur den denkbar kältesten Frieden, sondern auch einen Aufschwung der radikalen ägyptischen Islamisten, die fortan ihren eigenen Staat bekämpften, zur Folge hatte).

Hoffentlich geht nicht der Oktober 2003 als derjenige Zeitpunkt in die Nahostgeschichte ein, zu dem sich der Konflikt nach jahrzehntelanger geografischer Beschränkung vom Kernland wieder militärisch auszubreiten begann: Zwar hat Israel immer wieder Ziele im Libanon angegriffen - fast ausschließlich Stellungen der Hisbollah, ein Angriff auf eine syrische Einrichtung im Libanon erfolgte 2001 -, aber seit zwei Jahrzehnten nicht mehr in Syrien selbst, wo der Erzfeind sitzt.

Dass Israel einen so furchtbaren Akt des Terrorismus mit 19 Toten, darunter wieder mehrere Kinder, nicht unbeantwortet lassen würde, war absehbar. Mit dem unerwarteten Schlag auf ein "Trainingscamp" - eine nicht bestätigbare, aber auch, im Licht der Beziehungen Damaskus' zu den Terrorgruppen, nicht widerlegbare Behauptung - hat die israelische Regierung in gewisser Weise die Fesseln zerschlagen, die ihr von den USA angelegt wurden, die die Hand über das Leben von Yassir Arafat halten. Nicht nur, dass die USA den so gerechtfertigten Schlag gegen Syrien im Kontext des Antiterrorkampfes nicht kritisieren können - was waren die Attacken gegen die Al-Kaida-sponsernden Taliban denn anderes? -, er passt bestens in ihre Syrien-Politik des Drucks und der Drohungen.

Washington hatte bei der Verurteilung des Anschlags von Haifa auf die übliche Aufforderung zur Zurückhaltung an Israel verzichtet, und keinen Insider würde es wundern, wenn die US-Regierung vor dem israelischen Angriff bei Damaskus vorab informiert worden wäre. Das muss nicht einmal heißen, dass er den USA wirklich ins Konzept passt: Angesichts der schlechten Lage im Irak und dem katastrophalen Image der USA in der arabischen Welt - besonders nachdem sie sich entschieden haben, mit dem halblustigen Waffenbericht des David Kay ihre Manipulationen fortzusetzen - können sie eine weitere Eskalation in der Region nicht wirklich brauchen. Dementsprechend war am Tag des Anschlags die US-Kritik an Israel, dem Mauerbau und dem Siedlungsausbau so harsch gewesen wie selten zuvor.

Aber das ist alles Schnee von gestern. Logisch betrachtet - aber was läuft in diesem Konflikt schon nach den Regeln der Logik ab? - sollten die unmittelbaren Gefahren einer Ausbreitung des Konflikts aber nicht übermäßig groß sein. Syriens Schweigen nach dem Angriff war beredt: Die Meldung kam typischerweise aus Jerusalem, nicht aus Damaskus. Und eine militärische Antwort mit nachfolgender Eskalation wäre Selbstmord für das baathistische Regime in Damaskus, das nach Bagdad ohnehin im Auge des amerikanischen Taifuns steht.

Kopfzerbrechen macht jedoch die Erwähnung des Iran durch Israel: Bei gleichzeitiger Debatte um die atomaren Pläne der Islamischen Republik könnte man sich vorstellen, dass ihre Nuklearanlagen das gleiche Ende nehmen werden wie der irakische Reaktor Osirak im Jahr 1981. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.10.2003)

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