Frauen in ihrem Selbstbewusstsein stärken

6. Oktober 2003, 00:00
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Der Feministische Frauenrat soll die Anliegen der österreichischen Frauen bündeln und an eine breite Öffentlichkeit bringen - Michaela Moser und Heidi Ambrosch im Interview

dieStandard.at Welches Anliegen steckt hinter dem Feministischen Frauenrat?

Heidi Ambrosch Die Idee ist, die Frauenprojekte, die seit Jahren ganz bedeutende Arbeit leisten und das zu immer schlechteren Bedingungen, zusammen zu schließen, um ihre Anliegen besser in der Öffentlichkeit präsentieren zu können.

Die Konzentration liegt ganz bewusst auf den Bereich zivilgesellschaftlicher Einrichtungen, das heißt, wir wollen parteiunabhängig arbeiten. Wir erachten es als ganz notwendig, uns von Sachzwängen irgendwelcher Parteilogiken abzukoppeln.

dieStandard.at Seit wann existiert die Idee für solch eine Vernetzung?

Heidi Ambrosch Die hat in den verschiedensten Formen schon in den 80er Jahren existiert. Seit Antritt der schwarzblauen Koalition hat es eine neuere Brisanz bekommen, weil hier noch einmal eine radikale Zäsur gegen Frauenrechte und bestehende Projekte vorhanden war.

dieStandard.at Wie will der Feministische Frauenrat in solchen Punkten eingreifen?

Heidi Ambrosch Seit Jahren machen wir die Erfahrung, dass egal welches Thema wir vorbringen - sehr qualifiziert und mit sehr viel Expertinnenwissen - dass es von den Medien weitgehend ignoriert wird. Durch diese Vernetzung erhoffen wir uns ein größeres Machtpotential, Definitionspotenial.

dieStandard.at Ihr leistet mit diesem Projekt also wieder unentgeltliche Mehrarbeit. Besteht da nicht auch die Gefahr, als Systemerhalterin zu fungieren?

Heidi Ambrosch Sicherlich ist unsere Arbeit in einem gewissen Maße systemstützend, wenn wir Frauen helfen, Jobs zu finden oder Beratungstätigkeit anbieten. Ich glaube aber, dass wir immer beides brauchen: wir brauchen Hilfs- und Beratungsprojekte für Frauen, aber wir müssen daraus auch politische Forderungen ableiten.

Mit dem Frauenrat legen wir mehr Aufmerksamkeit auf politische Forderungen. Und diese sind sicher nicht systemstützend.

dieStandard.at Welche Forderung könnt Ihr jetzt schon formulieren?

Heidi Ambrosch Ein wesentliches Anliegen ist natürlich, Frauen in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. Was jede einzelne von uns tagtäglich leistet, von der Billa-Verkäuferin bis zur mittleren Managerin, was Frauen an Fähigkeiten einbringen, ist es einfach wahnsinnig, wie wenig Einkommen sie dafür kriegen. In vielen Fällen ist es nicht einmal existenzsichernd. Da zu sagen, ihr leistet so viel und sollt sogar noch in der Pension bestraft werden.

dieStandard.at Die Pensionsreform ist also ein wichtiges aktuelles Thema?

Heidi Ambrosch Die Pensionsreform war sicher ein Punkt, wo die Brisanz etwas zu tun, sichtbar geworden ist. Ebenso die Privatisierungen der öffentlichen Dienstleistungen. Ob Energie, Wasser, Gesundheit ... Wer ist es, der daheim die Kranken pflegt, wenn hier immer mehr privatisiert und Kosten eingespart wird? Das sind Themen, die Frauen in weitaus größerem Maß treffen.

dieStandard.at Es wurde mehrfach die Frage in den Raum gestellt, inwieweit ein Feministischer Frauenrat breite Unterstützung unter den österreichischen Frauen finden wird ...

Heidi Ambrosch Ich glaube, wir können an ein breiteres Bewusstsein anknüpfen, als es noch den Anschein macht. 645000 haben das Frauenvolksbegehren unterschrieben. Und es ist nichts geschehen. Aber da gibt es ein Bewusstsein und ich glaube, das ist jetzt auch noch einmal durch die Pensionsreform verstärkt worden.

dieStandard.at Gibt es Überlegungen in Richtung Frauenpartei?

Heidi Ambrosch Nein. Jetzt geht es tatsächlich um den Zusammenschluss der Frauenorganisationen, um eine möglichst breite Basis, um die Anliegen zielgerichtet nach vorne bringen zu können.

dieStandard.at Ist das auch Ausdruck neuer politischer Rahmenbedingungen, mit einem scheinbar vermehrten zivilgesellschaftlichen Engagement auf der einen und einer Politiküberdrüssigkeit auf der anderen Seite?

Michaela Moser Eine gut funktionierende Zivilgesellschaft braucht einen gut funktionierenden Staat. Das ist nicht so, dass die Zivilgesellschaft den Staat ersetzen kann. In einer gut funktionierenden Demokratie muss beides vorhanden sein und der Staat muss gefälligst sich mal wieder seiner Rolle des Sorgens um das Gemeinwohl besinnen. Und auch die wichtige Rolle der Zivilgesellschaft als Sprachrohr des Gemeinwesens erkennen.

(e_mu)

  • Heidi Ambrosch, Vorstandsmitglied des Kosmos Theater, und Michaela Moser von der Armutskonferenz wollen mit der Gründung des Feministischen Frauenrats die Anliegen der österreichischen Frauen bündeln
    murlasits
    Heidi Ambrosch, Vorstandsmitglied des Kosmos Theater, und Michaela Moser von der Armutskonferenz wollen mit der Gründung des Feministischen Frauenrats die Anliegen der österreichischen Frauen bündeln
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