Israel greift Ziel in Syrien an

6. Oktober 2003, 09:12
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Angst vor Eskalation im Nahen Osten nach verheerendem Selbstmordanschlag in Haifa - Weitere Angriffe nicht ausgeschlossen

Das, womit viele Palästinenser am Samstag rechneten - dass Israel versuchen würde, Palästinenserpräsident Yassir Arafat aus Ramallah zu "entfernen" -, blieb aus. Stattdessen griffen israelische Flugzeuge eine palästinensische Einrichtung nahe Damaskus an.

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Nach dem schwersten Terroranschlag, den die israelische Hafenstadt Haifa je gesehen hatte, sorgte Israels Armee mit einem Luftangriff tief im syrischen Territorium für Verblüffung - Ziel war nach israelischen Angaben eine Trainingsbasis radikaler Palästinensergruppen rund 15 Kilometer nordwestlich von Damaskus, die Flugzeuge sollen demonstrativ auch eine Villa von Syriens Präsident Bashar Assad überflogen haben.

Der Angriff hatte sich schon in der Nacht auf Sonntag ereignet, die Syrer schienen darin aber keineswegs etwa einen Kriegsgrund zu sehen, sondern ließen ihre Medien darüber schweigen. Israel wolle "die Reichweite unserer Operationen gegen den Islamischen Djihad und die Hamas vergrößern", sagte ein Regierungssprecher in Jerusalem, es werde für sie "keine Immunität und keinen sicheren Hafen" mehr geben.

Zugleich wolle man Syrien und dem Iran ein Signal senden: "Wir werden diese Achse des Terrors zwischen Teheran, Damaskus und Gasa nicht mehr tolerieren." Syrien sei selbst verantwortlich, sagte der Sprecher, da es trotz entsprechender Zusicherungen gegenüber den USA Einrichtungen "terroristischer Organisationen" auf seinem Boden nicht geschlossen habe.

Das "Maxim" am Strand von Haifa, das jüdische und arabische Besitzer hat, war wie immer am frühen Samstagnachmittag voller Gäste gewesen, als eine palästinensische Frau sich mitten in dem großen Restaurant in die Luft sprengte. Unter den 19 Todesopfern sind je fünf Mitglieder zweier Familien, von den Großeltern bis zu den kleinen Kindern, getötet wurden auch der arabische Koch und der arabische Türsteher.

Rache für den Bruder

Das Lokal war auch der ständige Treffpunkt der Fußballer von Maccabi-Haifa, drei Funktionäre des Traditionsvereins wurden verletzt. Die Selbstmordattentäterin war vom Islamischen Djihad losgeschickt worden - die 29-jährige Juristin wollte angeblich den Tod ihres Bruders und ihres Cousins rächen.

Israelische Soldaten zerstörten nach der Tat das Haus der Terroristin in Djenin, im Gazastreifen schossen Hubschrauber Raketen auf zwei Häuser ab, die von den Israelis als Waffenlager der Terrorgruppen beschrieben werden, dabei wurde offenbar niemand ernsthaft verletzt.

Zusammen mit dem Luftangriff in Syrien soll dies der Anfang einer Serie von Operationen gewesen sein, für welche die Armee grünes Licht bekommen habe. Im Umfeld Yassir Arafats herrscht die Sorge, dass Israel jetzt die angedrohte Abschiebung des Autonomiechefs wahrmachen könnte. Dutzende Sympathisanten bildeten deshalb eine Art menschlichen Schutzschild um Arafats Kanzlei in Ramallah, in Israel rechnete aber kaum jemand mit einem derart riskanten Schritt.

"Wenn die Zeit kommt, wird er ausgewiesen werden. Die Uhr läuft bereits", sagte ein Regierungsmitarbeiter am Sonntag. Das israelische Sicherheitskabinett hatte am 11. September nach zwei palästinensischen Selbstmordanschlägen grundsätzlich beschlossen, Arafat zu "entfernen". (DER STANDARD, Printausgabe, 6.10.2003)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Standbild aus dem Bekennervideo der Selbstmordattentäterin Hanadi Tayseer Jaradat

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