Demonstrationen zum 10. Jahrestag des Kampfs ums Moskauer Parlament

5. Oktober 2003, 19:31
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Jelzin besucht Tennisturnier

Moskau - Mit Demonstrationen und Gedenkfeiern haben am Samstag in Moskau mehrere tausend Menschen an den gewaltsam niedergeschlagenen Aufstand russischer Abgeordneter vor zehn Jahren erinnert. Bei der Auseinandersetzung zwischen dem Parlament und dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin wurden 123 Menschen getötet. Jelzin verbrachte den Samstag als Zuschauer bei einem Tennisturnier in Moskau.

An den verschiedenen Veranstaltungen nahmen insgesamt bis zu 8.000 Menschen teil, wie der Radiosender Echo Moskau unter Berufung auf Polizeischätzungen berichtete. Vor einer Lenin-Statue in der russischen Hauptstadt versammelten sich zahlreiche Anhänger der Kommunistischen Partei. Außerdem zogen Demonstranten durch die Innenstadt zum Weißen Haus, dem damaligen Sitz des Parlaments und heutigen Regierungssitz. Bereits am Freitagabend fand vor dem Gebäude eine Gedenkfeier statt.

Jelzin hatte das Parlament am 3. Oktober 1993 aufgelöst, weil seine Pläne zur Privatisierung von Staatseigentum keine Mehrheit fanden. Einige Abgeordnete verbarrikadierten sich daraufhin im Weißen Haus und einigten sich auf eine Amtsenthebung Jelzins. Daraufhin umstellten Regierungstruppen das Gebäude. Als einzelne Abgeordnete ihre Reihen durchbrachen und versuchten, auch den Sitz des staatlichen Rundfunks zu besetzen, kam es zu heftigen Kämpfen. Die Abgeordneten ergaben sich einen Tag später, als Jelzin das Weiße Haus von Panzern beschießen ließ.

Der damalige Parlamentspräsident Ruslan Chasbulatow übte unterdessen heftige Kritik am früheren deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl, weil dieser Jelzin unterstützte. "Der Putschist war Herr Jelzin", sagte Chasbulatow dem Berliner "Tagesspiegel" (Samstagsausgabe). "Jelzin gehört vor Gericht und mit ihm seine Freunde im Westen, die ihn damals unterstützten." Chasbulatow erklärte, mit dem Vorgang damals seien die Grundlagen für eine gelenkte Demokratie gelegt worden. "Denn gleich nach der Panzerattacke bekam Russland eine undemokratische Verfassung, die dem Präsidenten mehr Macht gibt als seinerzeit den Zaren." (APA/AP)

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