Der Freien Lust am Stöbern

5. Oktober 2003, 15:00
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Verena Pawlowsky forscht zu NS-Zeit und Austrofaschismus

Reputation ist die Folge guter Arbeit. Reputation ist aber auch Voraussetzung für weitere Arbeit in Folgeprojekten. Mit einem großen Universitätsinstitut oder professoralen Mentoren im Rücken mag das ein bisserl leichter gelingen. Die Historikerin Verena Pawlowsky hat das alles nicht. Sie erarbeitet sich trotzdem als freie Wissenschafterin ihr Renommee in Forschungsprojekten. Was ihr dabei hilft? "Herzblut für die Wissenschaft" und "ein gutes Netzwerk an Kontakten". Außerdem muss man hartnäckig sein und für eigene Forschungsideen lange Anträge an Förderstellen schreiben.

Zwei ihrer Projekte waren in den vergangenen Jahren oft in den Medien. Sie arbeitete für die Historikerkommission der Republik. Gemeinsam mit Kollegen dokumentierte sie Tausende Liegenschaften im Eigentum des Bundes seit 1938. Die Arbeit ist eine der Grundlagen für die Restitution geraubten jüdischen Vermögens.

Ihre 1996 geschriebene Dissertation über Findelkinder erlangte - später erweitert und als Buch publiziert - ungeahnte Aktualität. Sie hatte die alte politische Debatte rund um die Einrichtung von Findelhäusern analysiert. Wer anlässlich der Einführung von Babyklappe und anonymer Geburt 2001 in Österreich das Buch las, hatte quasi ein Déjà-vu. Die ideologisch gefärbten Reden in Politik und Medizin spielten sich, um Jahrhunderte versetzt, nahezu ident ab. "Es ist selten, dass man als Historikerin so nah an der Aktualität ist", freut sich Pawlowsky, zu deren Spezialgebieten die NS-Aufarbeitung, die Geschichte des Vereinswesens und der Austrofaschismus zählen, noch heute.

Die ruhig und bedächtig formulierende Frau hat für ihre Arbeiten 2002 den Michael-Mitterauer-Preis für Gesellschaftsgeschichte bekommen. Nettes Detail: Sie saß einst bei Professor Mitterauer, Wirtschaftshistoriker und Namensgeber des Preises, probehalber in einer Geschichtevorlesung. Das hat sie so begeistert, dass sie dann ihr Studium begonnen hat.

Kraft für die berufliche Lust am Stöbern in Archiven und Bibliotheken holt sich Belletristikfan Pawlowsky bei ausgedehnten Wanderungen in den Bergen. Das mache sie "fast leidenschaftlich". Sportlich ist die Großgewachsene auch in der Stadt unterwegs. Praktisch alle Wege legt sie mit dem Rad zurück. Sie liebt es, in Museen und Ausstellungen zu gehen. Zuletzt hat sie die Aufbereitung einer Balkanausstellung begeistert. Nach ein paar Stunden "still beschäftigen", genieße sie es, im Kaffeehaus mit Freunden über die Eindrücke zu reden.

Auf die Palme bringt sie "unauthentisches Auftreten in der Politik". Da stört sie die Rhetorik in Sachen Asylpolitik oder Sozialabbau gewaltig. Aber vielleicht hat Pawlowsky wieder einmal Gelegenheit, dazu die historischen Debatten zu beschreiben. Ein Déjà-vu scheint gewiss. (A. Waldbrunner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 10. 2003)

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