Vom Vandalismus und seiner unreflektierten Tradition

4. Oktober 2003, 10:00
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Forschungen zu Vandalen und ihrer Herrschaft in Nordafrika werfen neues Licht auf Identitäten und ihre Definition

Es ist die letzte Nacht im Jahr 406 nach Christus. Eine Gruppe großer, blonder Hünen in Gefolgschaft von alanischen und suebischen Kämpfern überquert den Rhein und fällt in der römischen Provinz Gallien ein. Die blonden Hünen nennen sich Vandalen und wirken auf die überraschten Römer fremder und bedrohlicher als die altbekannten Franken, jener Stamm, der, bereits seit Jahren jenseits des Rheins angesiedelt, den Römern ein vertrautes Bild bot.

Obwohl Vandalen nicht kämpferischer und blutrünstiger als Goten oder Franken, nicht mehr oder weniger meuchlerisch als die Hunnen waren, nimmt das negative Image der Barbaren auf ihren Eroberungszügen Richtung Afrika seinen Lauf. Vandalismus steht auch heute noch für blindwütiges Zerstören und gedankenlose Gewalt. Andererseits: Es herrschte Krieg. Und welches Kriegsopfer lässt am Aggressor auch nur ein gutes Haar?

Die negative Wahrnehmung der rüpelhaften, unzivilisierten Vandalen fußt auf einem Dokument, das vom katholischen Bischof und Kirchenhistoriker Victor von Vita in der nordafrikanischen Provinz Byzacena verfasst und 490 nach Christus veröffentlicht wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Vandalen bereits 60 Jahre in der römischen Provinz, dem Gebiet des heutigen Tunesien, verbracht, und sollten mit der folgenden Eroberung von Sardinien, Korsika und den Balearen zu den unumschränkten Herrschern im gesamten Mittelmeer aufsteigen.

In Victor von Vitas dreibändiger Historia persecutionis Africanae provinciae beschreibt der leidgeplagte Katholik das Leben unter den arianischen - ketzerischen - Vandalenkönigen Geiserich (428-477) und Hunerich (477-484), und beklagt sich bitter über Fremdherrschaft sowie barbarisches Verhalten. Doch müssen Vitas Berichte unter dem Aspekt seiner Treue zur Orthodoxie, zum Römertum und zu dessen Gesellschaftsordnung gesehen werden, was sicherlich mangelnde Objektivität zur Folge hatte. Die von ihm beschriebenen Grausamkeiten der "ketzerischen" Barbaren wirken bis heute nach.

Nicht aber das Reich der Vandalen, das 533 von byzantinische Truppen unter Belisar, einem Feldherrn Kaisers Justinians, zerstört wird. Ab diesem Zeitpunkt verschwinden Vandalen und Alanen aus den Überlieferungen, es ist, als hätten sie nie existiert. Statt wie die Franken oder Angelsachsen zu einer Nation - nämlich zu Frankreich beziehungsweise England - zu werden, bleibt von den Vandalen nichts anderes als ihr schlechtes Image. Die Geschichte der Wahrnehmung der Vandalen ist jedoch nur ein Aspekt in dem vom Wissenschaftsfonds geförderten Projekt, sagt Walter Pohl, Leiter der Forschungsstelle für Geschichte des Mittelalters der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Pohl lehrt zudem mittelalterliche Geschichte an der Universität Wien und hat bereits mehrere Bücher über die Völkerwanderung und die Westgoten veröffentlicht. Der international renommierte Frühmittelalterspezialist arbeitet mit seinem Kollegen Roland Steinacher an einer Neuschreibung der Geschichte der Vandalen, die sich vor allem mit der Identitätsbildung der Stämme im Frühmittelalter auseinander setzt.

Der Übergang von der Antike zum Mittelalter ist dabei der Schlüsselmoment schlechthin für das Verstehen des heutigen Europas: "Unser Europa der Nationen, das darüber hinaus christlich definiert ist, entsteht aus der Definition über ethnische Zugehörigkeit und bildet die grundlegende Denkweise über die moderne Auffassung von Nationen. Identität ethnisch zu definieren galt beispielsweise unter den Griechen als barbarisch. Doch dringt diese Praxis durch die Barbaren nach Europa und setzt sich als Grundlage der politischen Macht durch", erklärt Pohl. Die Vandalen beispielsweise gehörten zu den Pionieren, "die sich in Karthago, einer der größten Metropolen des Mittelmeerraumes, hinstellten und sagten: Ich habe die Macht, weil ich der König der Vandalen bin, und nicht, weil ich der König von Karthago bin", erläutert Pohl, um hinzuzufügen: "Ein Pionierprojekt, das als Experiment gescheitert ist, sich aber als Methode durchgesetzt hat."

Pohl nimmt auf die bahnbrechende Frühmittelalterforschung seines Lehres Herwig Wolfram Bezug und macht auch hier deutlich: Germanische Völker stellten keine geschlossene Einheit dar, sondern bestanden aus verschiedenen Verbänden. So waren selbst die Vandalen eine gemischte Gruppe, ein "Volk im Werden", definiert Pohl, das sich mit den Alanen, einem Steppenvolk aus dem Kaukasus, zusammenschloss. Von rein germanisch kann also keine Rede sein, apostrophiert der Historiker.

Somit bricht auch das Konzept über "das Volk" auf. Dieses ist keinesfalls "eine Gruppe von Menschen mit gemeinsamer Abstammung, Sprache und Kultur, erkennbar an Tracht und Bewaffnung, verbunden durch Recht und Tradition", wie Pohl in seinem Buch Völkerwanderung. Eroberung und Integration schreibt. Dies sei eine Auffassung, wie sie im 19. Jahrhundert bestimmend war und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Dienst germanischer Rassenideologie gestellt worden war.

Der Geschichtswissenschafter Pohl spricht eher von dem differenziert gewordenen Bild der "Polyethnie" der Verbände beziehungsweise Völker der Völkerwanderungszeit, das in aktuellen Zeiten von Multikulturalismus- und Integrationsdebatten verstärkt Bedeutung erlangt. Pohl führt mit seinen Studien die Tradition der Wiener Schule der Frühmittelalterforschung fort, die vom Mittelalterspezialisten Herwig Wolfram begründet wurde. (Erika Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 10. 2003)

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    Vandalisch besiedelte Gebiete Mitte des 5. Jahrhunderts (rot eingefärbt)

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