Das Zerbrechen der Ursprünge

5. Oktober 2003, 19:42
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1938 wurde die Wiener Psychoanalytische Vereinigung von den Nazis aufgelöst - fast alle Mitglieder mussten fliehen

Wien - Was geschieht, wenn ein Kreis von Menschen, die zugleich den Kreis einer Lehre bilden, durch Politik auf die brutalste Weise zerrissen wird, wenn die Teile in alle Welt vertrieben werden? Seit gestern, Freitag, Nachmittag, geht ein internationales Symposion im kleinen Festsaal der Wiener Universität dieser Frage nach: "Die Vertreibung der Psychoanalyse in Wien 1938 und ihre Folgen".

Von 102 Mitgliedern der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung wurden bis auf drei alle verjagt. Und zwar von jenen Kräften, deren kanalartiges Schwelen gerade die Psychoanalyse immer ans Licht bringen wollte. In Wien gab es keine Psychoanalyse mehr, auch lange nach 1945 nicht mehr - stattdessen aber Perversionen wie den psychiatrischen Gutachter Heinrich Gross vom Spiegelgrund.

Der zerschlagene Kreis: Oft sagte Sigmund Freud - so erinnerte sich der 1938 ebenfalls vertriebene Hermann Nunberg in den von ihm herausgegebenen Protokollen der Psychoanalytischen Vereinigung (S. Fischer) -, der Analytiker solle nicht isoliert sein. Um Isolation zu verhindern, bildete sich ab 1902 in Freuds Wohnung ein Diskussionskreis, die "Psychologischen Mittwochabende". Aus ihnen wurde 1910 schließlich die Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV).

Die Gruppe war heterogen. Ärzte, Schriftsteller, Verleger wie Hugo Heller, Kritiker wie David Bach (der die ersten "Arbeiterkonzerte" organisierte). Das heißt: Der Ansatz in diesen Diskussionen war von Beginn an auf ein Wirken in Kultur und Sozialarbeit hinein abgestellt - auch diese Linien sind abgebrochen.

Endgültige Isolation

Den Vorgängen dieses Abbruchs selbst ging am Eröffnungstag Erika Mühlleitner (Gießen) nach, indem sie die Geschichte der Psychoanalyse schon ab 1934 als Emigrationsgeschichte darstellte - im Austrofaschismus wurde sie endgültig von ihrem kulturellen Einflussbereich isoliert. Unter den in die Emigration Getriebenen finden sich so prominente Namen wie Dorothy Burlingham (die schon in der Berggasse 19 gewohnt hatte und in London mit Anna Freud die Kinderpsychoanalyse aufbaute), Paul Federn, Otto Fenichel, Kunsthistoriker Ernst Kris, Otto Kernberg - der krankheitsbedingt nicht am Symposium teilnehmen konnte - und viele andere.

Wie schon das Beispiel von Dorothy Burlingham und Anna Freud zeigt, konnten die in Wien entwickelten Ansätze nur noch in den Exilländern entfaltet werden, eine Geschichte ohne ihren abgekappten Ursprung. Was dies individuell und kollektiv bedeutet, soll während der Tagung beantwortet werden, ebenso die Frage, wie sich gewaltsame Regressionen in Gruppen bilden. Schließlich, so John Kafka (Washington), ist ein gewaltsames Zerbrechen die stärkste Verhinderung des Gefühls von Kontinuität, nach welchem Individuen und Gruppen streben.

In der Auseinandersetzung mit der Geschichte liegen überhaupt die Haupttendenzen der vertriebenen Psychoanalyse: In Beiträgen aus dem Bereich klinische Psychologie am Samstag - u.a. von Elisabeth Brainin, Samy Teicher - wird zu sehen sein, wie Trauma zwischen Generationen wirkt. Wobei nach Ilony Kogan (Tel Aviv) auf eine Unterscheidung größter Wert gelegt werden muss: Kinder von Holocaust-Überlebenden "erben" zwar das Trauma, es ist aber nicht ident und wird kreativ ganz anders verarbeitet. Was aber passiert, wenn gar nichts verarbeitet wird, soll eine Schlussdiskussion beleuchten (Samstag, 17 Uhr, moderiert von Hans Rauscher). (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 10. 2003)

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