Wenn der Apfel weit vom Stamm fällt

15. Oktober 2003, 09:52
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Kollektive und EinzelkämpferInnen gegen das Patriarchat im Grazer Stadtmuseum

Graz - Der Vater war ein Anhänger von Deportationen und Straflagern, der Sohn kämpfte für die sexuelle Revolution, den Drogenrausch, das Matriarchat und die Befreiung aus der Unterdrückung des Vaters - eine Familiengeschichte, wie man sie zwischen den 30er- und 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum nicht selten hört und liest. Doch im Hause der in der Steiermark ansässigen Familie Gross spielte sich dieses familieninterne Ausschlagen des Pendels der Geschichte rund 60 Jahre früher ab.

Das Grazer Stadtmuseum zeichnet in der von Gerhard M. Dienes organisierten Ausstellung "Die Gesetzte des Vaters" die Geschichte vom legendären Vater der Kriminalistik, Hans Gross ,und seinem nicht minder legendären anarchistischen Sohn Otto sowie beider Verflechtungen mit Franz Kafka und Sigmund Freud nach.

Während in Graz nur wenige Leute mit dem Namen Gross etwas anfangen können, hinterließen Vater und Sohn tiefe Spuren in der Geschichte. Hans Gross lehrte lange Jahre an der Grazer Karl-Franzens-Universität, war ein Reformer des Strafrechts und veröffentlichte 1893 den Bestseller "Das Handbuch für Untersuchungsrichter", der in fast alle Sprachen der Welt übersetzt wurde und von FBI-Agenten und Krimi-Autoren gleichermaßen verschlungen wurde. Als er in Prag lehrte, war kein Geringerer als Franz Kafka drei Semester lang einer seiner Studenten.

Allerdings konnte der sensible Dichter wenig mit den brutalen Vorstellungen des Professors, der ungarische Roma allesamt in Strafkolonien deportieren lassen wollte, anfangen. Robert Heindl, ein Freund von Gross, der eine Maschine erfunden hatte, die möglichst viele Gefangene gleichzeitig enthaupten konnte, soll Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" angeregt haben. Die vom auch technisch versierten Kafka genauestens beschriebene Foltermaschine wurde nachgebaut und ist in der Ausstellung ebenfalls zu sehen wie viele Fotos, Filme und Originaldokumente.

Zwei Überväter

Das einzige Kind von Hans Gross, Sohn Otto, wurde 1877 bei Feldbach in der Steiermark geboren und versuchte sich bald vom autoritären Vater zu lösen. Otto studierte Medizin und habilitierte sich im Fach "Psychopathologie und Psychoanalytiker". Gross junior traf auf Sigmund Freud, der ihn anfangs neben Carl Gustav Jung für seinen originellsten Studenten hielt, ihn aber - als dieser eigenständige Gedanken formulierte - wieder fallen ließ.

Die Zeit der totalen Befreiung vom Übervater war damit für Otto gekommen. Aus dem Duckmäuser wurde ein Bürgerschreck. In den kommenden Jahren zog er zwischen Wien, München, Graz, Prag und Budapest umher, gab sich in der Literatenszene dem Kokainkonsum hin und zeugte fünf Kinder mit fünf verschiedenen Frauen. Für seinen Vater wurde er zum gefallenen Sohn.

1906 schloss er sich einer Aussteigerkommune an, die am Monte Veritá bei Ascona die freie Liebe predigte. Auch Hermann Hesse, der hier sieben Wochen in einer Höhle seine Alkoholsucht in den Griff bekommen wollte, traf den Rebellen, der als literarische Figur bei Kafka, Franz Werfel und Frank Wedekind auftaucht, hier. Als der Drogenkonsum immer exzessiver wurde, ließ der frühere Lehrer Freud Otto Gross einweisen. Später ließ ihn sein leiblicher Vater entmündigen. Gross, der immer wieder aus diversen Kliniken ausbrach, starb 1920 verarmt und verwirrt in Berlin und hinterließ Schriften, die bis heute Aufsehen erregten.

In den 60ern wurde Otto Gross von Psychoanalytikern und Soziologen wiederentdeckt. In London wurde eine Otto-Gross-Gesellschaft gegründet, die ihren vierten internationalen Kongress heuer von 24. bis 26. Oktober erstmals in Graz abhält. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./.5. 10. 2003)

Diese Serie erscheint mit finanzieller Unterstützung von Graz 2003. Redaktion: Thomas Trenkler

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