Die Bücher nach dem großen Knall

4. Oktober 2003, 00:45
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Eine Nachfahrin Tolstois entwirft eine Parodie auf alte und neue Verhältnisse

Irgendwann nach dem großen Knall etabliert sich eine neue Gesellschaft auf den Trümmern der einstigen Zivilisation, ein armseliger Rest, eine Karikatur der vergangenen Größe. Dieses Szenario ist ein beliebter Ausgangspunkt für Sciencefiction aller Art, hundertfach erprobt und immer wieder fruchtbar.

Tatanja Tolstaja entwickelt dieses postapokalyptische Tableau auf bizarre Weise weiter. Im gemütlichen Erzählton voller Diminutive, die putzig wie ein tollpatschiger Tanzbär anmuten, schildert sie eine unheimliche Welt voll von mutierten humanoiden Wesen. Die hausen in einer primitiven Ansiedlung, welche vor Urzeiten Moskau hieß, und leben hauptsächlich vom Mäusefang. Ein solcher Bewohner ist Benedikt, ein männliches Geschöpf, das die Kunst des Schreibens gerade so erlernt hat und dazu angehalten ist, alte Bücher auf Birkenrinde zu kopieren, ohne wirklich zu kapieren, was er da eigentlich schreibt. Es gibt ein paar halbgebildete "Alte", die sich an die Zeit vor dem großen Knall erinnern und für die Nachwelt Unverständliches von sich geben. Die Bewusstseinslage ist allenfalls infantil; ein Bonze fährt in einem von menschenähnlichen "Transgeburten" gezogenen Schlitten herum und behauptet, alle noch vorhandenen rudimentären Literaturschnipsel selbst gedichtet zu haben. Der Besitz von "alten" Büchern ist verboten.

Benedikt heiratet ein weibliches Wesen aus der Sippe eines Machthabers, entdeckt dessen Zimmer voller verbotener Bücher und beginnt manisch zu lesen; allerdings zeigt sich, dass er trotzdem nicht in der Lage ist, sich irgendeinen Reim auf seine Welt zu machen. (Allein die irrwitzige Aufzählung der Titel von klassischen Werken bis zur Nähanleitung von Pluderhosen ist eine ironische Meisterleitung der Autorin.) Den Hütten im Matsch blüht schließlich die krasse Parodie eines Staatsstreiches. Der ändert natürlich nichts wirklich, weil es den Geschöpfen mit ihrer Untertanenmentalität und ihrem Schwachsinn sowieso egal sein kann, was passiert. Irgendwo werden sie schon wieder ihre Mäuse fangen, um daraus Pastetchen zu machen. Gespickt mit Zitaten aus der längst versunkenen russischen Literatur, mutet Kys an wie eine rauchschwarze Trümmerlandschaft, in der da und dort noch ein gemauerter Bogen oder ein einsamer Kirchturm steht.

Der Subtext voller Anspielungen auf die gegenwärtige Situation, wird sich dem westlichen Leser wohl auf weite Strecken nicht erschließen, aber die Bösartigkeit der im Märchenton erzählten Geschichte ist überaus einprägsam. Einer der Alten glaubt sich zu erinnern, dass "Der Westen uns helfen wird". "Die Ironie besteht darin, dass der Westen nicht existiert", sagt ein anderer. "Der Westen existiert immer." "Doch wir wissen nichts darüber." "Aber nicht doch, erlauben Sie! Wir wissen schon etwas. Die wissen nichts von uns", sagt der andere. Genauso ist es. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 4./5.10.2003)

Von Ingeborg Sperl

Hinweis: Tatjana Tolstyaja liest am 7. Oktober um 20 Uhr im Salzburger Literaturhaus aus dem besprochenen Band

  • Tatjana TolstajaKys. Deutsch von Christiane Körner.
€ 23,60 367 Seiten.  Rowohlt Berlin  Berlin 2003.
    foto: buchcover rowohlt

    Tatjana Tolstaja
    Kys.
    Deutsch von Christiane Körner.
    € 23,60
    367 Seiten.
    Rowohlt Berlin
    Berlin 2003.

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