Prinzessin, Pitbull, Gucci

4. Oktober 2003, 00:52
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Krimis über den grauen Alltag und die neuen Russen

Die Krimiliteratur boomt nicht nur bei uns, sondern auch in Russland. Eine, die es in diesem Metier mit 15 Millionen Gesamtauflage bis an die Spitze geschafft hat, ist die 51-jährige Moskauerin Darja Donzowa. Ihr neuester Roman Der unschuldige Mörder, ausgezeichnet mit dem russischen Krimipreis, scheint diesen quantitativen Erfolg aber nicht wirklich zu rechtfertigen. Donzowa hat dem Genre nichts Innovatives hinzuzufügen. Im Gegenteil, ihr Erfolg scheint darauf zu beruhen, dass sie die Erwartungen der Leser getreulich erfüllt. Ein Mann wird des Mordes an seiner allzu leichtlebigen Frau verdächtigt, beteuert aber, sie nicht getötet zu haben. Allerdings haben etliche Zeugen den flotten Schürzenjäger in der Mordnacht aus seiner Wohnung kommen sehen.

Eine Exehefrau, gleichzeitig die Icherzählerin, kommt dem Verdächtigten zu Hilfe. Die Aufklärung des Falles ist langwierig, doch relativ simpel und für den Leser recht bald zu durchschauen. Was also fasziniert das russische Publikum an dieser Art von Spannungsliteratur à la Donzowa?

Zunächst einmal fällt auf, dass Donzowa im Gegensatz zu den Kollegen und Kolleginnen aus der Perspektive einer neuen, das heißt neureichen Russin schreibt. Das tun Alexandra Marinina (Der gestohlene Traum), oder Polina Daschkowa (Die leichten Schritte des Wahnsinns, Klub Kalaschnikow, Russische Orchidee), um nur zwei Autorinnen zu nennen, nicht. Sie schildern den fast einsamen Kampf der Heldin oder des Helden gegen einen korrupten Polizeiapparat, gegen Politiker, die gleichzeitig der Mafia angehören und sie artikulieren deutlich, dass man im neuen Russland niemandem trauen dürfe und der Staatsmacht schon gar nicht.

Der Verfall des Gemeinwesens und sämtlicher Moral ist das durchgängige Thema ihrer Krimis und bedient damit nicht nur das eigene Publikum, sondern bestätigt auch die Klischees, denen der westliche Leser anhängt. Überhaupt korrodiert alles: ob die zu kleinen Wohnungen oder die öffentlichen Verkehrsmittel. Vera Stepanowa bringt zum Beispiel in Der dunkle Hauch der Angst den Niedergang der Wissenschaft und der Wissenschafter zur Sprache und entwickelt vor diesem Hintergrund die Geschichte eines Serienmordes.

Donzowas Heldin Dascha gehört hingegen genau der urbanen Nutznießer-Schicht an, die von den neuen, verfilzten Verhältnissen profitiert. Bei ihr fällt das deprimierende Gejammere über den Alltagsfrust weg: die mühselige Organisation des täglichen Lebens, die Unvereinbarkeit von Kindern und Job, der absurde Zeitaufwand, die allernotwendigsten Konsumgüter zu ergattern, und der Stress mit einem womöglich alkoholkranken Ehemann - endlich alles kein Thema. Dascha lebt in einer 20-Zimmer-Villa und fährt ein West-Auto. Standesgemäß gehören Pitbull und Schoßhündchen zum Haushalt, detto die angemessene Garderobe. Und auch der Mafiaboss, den Dascha zur Rettung ihres Exmannes zu animieren versucht, erweist sich als stilvoller Gentleman, der zwar seine Macht krummen Geschäften verdankt, was aber nicht weiter schlimm zu sein scheint. Donzowas Gucci-berockte Heldin erklärt einer Verkäuferin, die sich nicht unterwürfig genug benimmt, von oben herab, dass sie reich genug sei, nicht nur diese Fetzen-Boutique, sondern auch gleich das ganze Gebäude zu kaufen. Protz ist Trumpf. Und wer genug Geld zum Bestechen hat, lebt einfach leichter, - auch im Gefängnis. Da gibt's dann für die, die bezahlen können, zumindest Handys und Fresspakete.

Ist es diese amoralische, um nicht zu sagen nihilistische Sichtweise, die die Leser von Donzowa fasziniert? Die Dinge, die man nicht ändern kann, so zu nehmen wie sie sind und sich, egal wie, ein schönes Leben zu machen? Sozusagen Brutalrealismus statt sozialistischer Realismus. Was hilft es denn, wenn Autorinnen wie Anna Dankowtsewa sich kritisch zu den Folgen des Afghanistan-Krieges äußern und die soziale Misere geißeln (So helle Augen)?

Als ernst zu nehmendes Literaturbeispiel zählt Donzowas Krimi sicherlich nicht, als mögliches Anzeichen sich verändernder gesellschaftlicher Parameter ist Trivialliteratur aber allemal tauglich: Die "neuen Russen" haben offenbar die Rolle der Märchenfiguren von Prinz und Prinzessin übernommen und stehen nun stellvertretend für die Sehnsüchte und Wunschträume der vom grauen Alltag genervten Bürger.

Wo Wunschträume sind, sind Wundertäter nicht weit. Es wird ja immer wieder berichtet, dass selbst die russischen Politiker Entscheidungen von den Ratschlägen berühmter Wahrsagerinnen und Astrologen abhängig machen. Eine Neigung zu solch übersinnlichem Beistand ist auch fixer Bestandteil in den russischen Krimis. Bei Donzowa ist es eine betrügerische Wahrsagerin, die mit hinterhältigen Erpressungen nicht schlecht verdient. Stepanowa (Der süße Duft des Blutes) verquickt hingegen die Schwarze Romantik mit der Biografie Oscar Wildes und liefert so einem Psychopathen den "sprituellen" Hintergrund für seine inszenierten Lustmorde.

Hellseher, Hypnotiseure oder Parapsychologen sind wie Erinnerungen an den langen Schatten Rasputins. Sie verleihen russischen Krimis eine unverkennbare und manchmal auch recht naive Aura. (Die eigenartige, schillernde Autorin Olga Kharitidi kann man zwar nicht direkt der Riege der Krimiautoren zuordnen, aber die hauptberufliche Psychiaterin, die jetzt im Ausland lebt, hat eine starke Beziehung zur Kultur der Schamanen und bringt die übersinnlich begabten Ureinwohner in einen spannenden Bezug zu den Erkenntnissen der modernen Psychiatrie).

Im Übrigen ist von dieser florierenden Sparte der neuen russischen Unterhaltungsliteratur bislang wenig Widerständiges zu erwarten. Formal konservativ, die Plots oft nicht besonders raffiniert, hat man den Eindruck, dass sich der massenhaft produzierte Mainstream erst in einiger Zeit stilistisch und inhaltlich in originellere Seitenarme aufspalten wird.

Symbolträchtig ist jedenfalls eine Episode in Daschkowas Russische Orchidee, wo die Heldin Lisa auf einem Kongress von einer frauenbewegten amerikanischen Journalistin belagert wird. Die will ein Interview für den New Yorker und unbedingt Lisas Meinung zur traurigen Situation der russischen Rentner, der Korruptheit des Beamtenapparats, der Übergriffe der Armee, der ewigen Unbefreitheit der russischen Seele, und des schädlichen Einflusses der Freiheit auf dieselbe, der pathologischen russischen Gleichgültigkeit und den Strafkolonien für minderjährige Kriminelle erfahren. "Entschuldigen Sie", sagt Lisa, "für ein solches Gespräch bin ich im Moment zu müde. Verschieben wir es lieber auf morgen." (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 4./5.10.2003)

Darja Donzowa, Der unschuldige Mörder. Aus dem Russischen von Judith Elze. € 22,60/382Seiten.
Goldmann, München 2003.

Anna Dankowtsewa, So helle Augen. € 20,-/
224 Seiten. Diogenes, Zürich 2003.

Polina Daschkowa, Die leichten Schritte des
Wahnsinns
(€ 20,60), Klub Kalschnikow (€ 9,30),
Russische Orchidee (€ 20,60). Alle Aufbau Verlag.

Vera Stepanowa, Der süße Duft des Blutes (€ 8,20), Der dunkle Hauch der Angst (€ 8,20). Beide Lübbe Verlag.

Alexandra Marinina, Der gestohlene Traum (€ 19,90), Die Stunde des Henkers (€ 21,-), Tod und ein bißchen Liebe (€ 19,60) u.a. Alle Argon Verlag.

Von Ingeborg Sperl
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