Schlafende Herzen

4. Oktober 2003, 00:37
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Vladimir Sorokins Albtraumbuch "LJOD. Das Eis"

Wer hat den Reif unter dem Himmel gezeugt?", wird im biblischen Buch Hiob gefragt: Nicht näher bezeichnete Kleingruppen von Terroristen bemächtigen sich im Raum Moskau und Umgebung ziviler Personen. Sie schnallen die Sedierten an Wände oder Bäume und schlagen mit archaischen Eispickeln auf die Brustbeine ihrer bedauernswerten Opfer los.

Während das Blut aus den zerschundenen Leibern schießt, riskiert der jeweilige Gruppenbevollmächtigte ein Ohr und lauscht dem Gurgeln, das aus der Herzgegend dringt: "Komm, sprich mit mir . . .", flüstern die horchenden Bioterroristen, die dem Muskel so etwas wie ein herzinnigliches Rühren und Schnalzen abzuhören meinen. Betrieben wird Spökenkiekerei am Eigentlichen: Bei den Tätern handelt es sich um Esoteriker, die der Wiederkunft lichtgöttlicher Individuen harren, deren Herzen "wahrsprechen".

In Wladimir Putins Reich sind es unstandesgemäß Huren, Makler und Gettokids, die sich im Besitz der kostbaren, fleischlichen Gabe befinden. In geheimen Kliniken werden die Versehrten geheilt und gereinigt und auf die endgültige Levitation des Planeten vorbereitet: Der Moskauer Romancier Vladimir Sorokin (48), längst kein orthodoxer "Soz-Artist" mehr, sondern einer der maßgeblichen Romanciers einer zusehends beliebiger werdenden Weltliteratur, fasst in seinem Roman LJOD. Das Eis die allgegenwärtige Paranoia einer im Chaos versinkenden Weltmacht in ein Bild von bestrickender Unantastbarkeit.

Der Erlösungsgedanke, von dem die orthodoxe Tradition des "Dritten Rom" einschlägig erzählt, kehrt wieder im zerschlissenen Gewand des esoterischen Thrillers. Ab nun sieht man "erleuchteten" Nutten im verwestlichten Globaldorf Moskau dabei zu, wie sie von ihren Mafia-Luden gequält und gedemütigt werden.

Sorokin, der seine Schreibkalküle für gewöhnlich als Weltmodelle erprobt, setzt aber noch eine Stufe höher an: Ein anno 1942 nach Deutschland verschlepptes Mädchen wird von Geheimkadern der SS ebenso "herzinnig" zum wahren Leben erweckt, wie sich in der Folge die stalinistischen Schergen von Lawrentij Beria als Herz-esoterische Wohltäter entpuppen, die auf sozialistische Staatskosten ein riskantes "Lebensborn"-Projekt betreiben, das Tausende von nicht blond-blauäugigen "tauben Nüssen" das Leben kostet. Sorokin beschreibt aus der Perspektive süßer Erweckter ein genozidales Programm: Andere als die 23.000 zum Licht und zur Herzlichkeit Erweckten sind, in obszöner Umkehrung der tatsächlichen Verhältnisse, nichts als "lebende Tote" - "FLEISCHMASCHINEN".

Der Rest ist Programm: In der streng auktorialen Perspektive der am Bahnhofskiosk erhältlichen Literatur werden die "großen", unhaltbaren Erzählungen des Fortschritts als monströses Hightech-Abenteuermärchen alterniert.

In Moskau wird Sorokin für seine erzählerischen Selbstermächtigungen böse angefeindet; im Rest der Welt gewahrt man staunend die Treffsicherheit einer Prosa, die sich in Dutzenden von Stimmen an die Realverhältnisse gerade so weit anschmiegt, wie sie der "realen", als unleidlich erkannten Welt mit souveräner Gebärde den Totenschein ausstellt. Sorokins obszöne Manipulation des großen Aufklärungsmärchens geht von der Gleichwertigkeit der Phänomene aus. Ihr Skandal beruht auf der rückwirkenden Auslöschung jeglicher außerliterarischen Sinngebung. Die Hintergrundgeräusche einer (möglichen) anderen Geschichtsschreibung kehren überlaut wieder - wobei der Autor mehr von Spielberg und Lucas gelernt zu haben scheint als alle die anämischen Angelsachsen, deren treuherzige Dorfchroniken vom Demokratieverbund vorgeblich "freier" Individuen handeln.

Sorokin denkt dagegen totalitär - und macht mit den Möglichkeiten auktorialen Erzählens ungerührt jenen Ernst, der in der Literatur - und nirgendwo anders - angebracht erscheint. Sorokin hat seinen Georg Lukács wahrscheinlich genauer gelesen als jeder andere, bürgerliche Mentalitätsequilibrist: Er ist der untergründlich menschenfreundliche (Anti)totalitarist. Ein Albtraumbuch. Ein Wurf. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 4./5.10.2003)

Von Ronald Pohl
  • Vladimir SorokinLJOD. Das Eis. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. € 20,30/224 Seiten. Berlin Verlag, Berlin 2003
    foto: buchcover berlin verlag

    Vladimir Sorokin
    LJOD. Das Eis.
    Aus dem Russischen von Andreas Tretner.
    € 20,30/224 Seiten.
    Berlin Verlag,
    Berlin 2003

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