Auf dem Weg zum russischen Buch

4. Oktober 2003, 00:18
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Die russische Buchproduktion hat sich verändert. Das schwächste Rädchen im Wildwest-Kapitalismus des Buchgeschäfts bleibt der Autor. Von Eduard Steiner

Jeden Moment sollte es soweit sein. Seit Wochen wartet Ilja Kotschergin darauf, dass sein erstes Buch erscheint. Mit 33 gilt er als junger Schriftsteller in Russland. "Jung" ist, wer noch nicht richtig durchgestartet hat, vielmehr an der unsicheren Schwelle zum noch unsichereren Erfolg steht. Ilja arbeitet daran, mal solide konsequent mal etwas nachlässiger. Über widrige Umstände auf dem Weg zum Buch klagt er nicht, mit ihnen kämpft er. Noch reicht das Geld aus der Miete einer geerbten Großwohnung. In wenigen Monaten aber gilt es sich um neue Geldquellen für die Familie umzuschauen. Der Nachwuchs kommt schneller als der literarische Durchbruch. Iljas Werdegang führte über Sibirien. In der Metropole Moskau aufgewachsen, zog es ihn in Russlands Weiten. 4 Jahre brachte er als Aufseher in der Einöde eines Naturparks nahe der Mongolei und China zu. Es waren die tiefen Eindrücke aus dieser Gegend, die ihn zwei Jahre später eine Ausbildung auf dem Literaturinstitut aufnehmen ließen. Dass Ilja in seinem erfahrenen Professor große Unterstützung fand, ist die Portion Zufall, die die Zahnräder in Bewegung brachte und Iljas Erzählung "Altynai" in eine der traditionellen Literaturzeitschriften.

"Worüber junge Autoren heute am meisten klagen, ist, dass an den Schaltstellen des Literaturbetriebes noch eine andere Generation sitzt, die Jüngeren den Zugang erschwert", erzählt Jevgenij Lessin, Chef von "Ex Libris", der renommierten Literaturbeilage der Tageszeitung "Nesavisimaja Gaseta". Lessin hält allerdings diesen Umstand für nicht spezifisch russisch und die Klagen teils für übertrieben. Auch Sergej Jesin, Rektor des Moskauer Literaturinstitutes, erkennt in den letzten Jahren eine Tendenz, "die elitärsten qualitativen Literaturmagazine für junge Autoren zu öffnen". Vielleicht wollen sich manche damit einen neuen Anstrich verleihen, mutmaßt Ilja Kotschergin. Er selbst hat von dieser Welle allemal profitiert. Seine Erzählung wurde in "Novyj Mir" ("Neue Welt") gedruckt, einem der traditionellen so genannten "dicken Journale" ("tolstjaki").

Diese erlebten ihren großen Boom nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre, als sie politisch relevante Exil- und Dissidentenliteratur als Vorabdrucke veröffentlichten. Im Wettstreit mit den neuen Privatverlagen ersetzten sie gleich nach der Perestrojka die zusammengebrochenen staatlichen Großverlage und bedienten die riesige Nachfrage seitens des lesehungrigen Volkes, das nach dem Wegfall der Zensur fürs erste das lang Verbotene "nachlas". Im letzten Jahrzehnt freilich hat sich das Leseverhalten der russischen Bevölkerung grundlegend verändert. Die so genannte "Gute Literatur", die - sofern politisch unbedenkliche Klassiker - auch zu Sowjetseiten den Lesekanon dominierte, hat einem Boom der Unterhaltungsliteratur Platz gemacht: neue Sachbücher, Boulevardzeitschriften, Krimis, Frauenromane und Science-Fiction glitzern von den Auslagen und in den U-Bahn-Waggons. Was die einen als Kulturverfall anprangern, stellt sich für die anderen als natürlicher Bereinigungs- und Normalisierungsprozess dar. "Zur Sowjetzeit hatte Literatur zwei artfremde Funktionen zu erfüllen: die Kirche und die politische Opposition. Heute ist der Dichter einfach Dichter", warnt der Kritiker Lessin vor Schwarzmalerei angesichts eines neuen Pluralismus eigenständiger Diskurssysteme: "Immerhin liest jeder fünfte in der U-Bahn, und davon jeder fünfte eine so genannte Gute Literatur".

Die Veränderung der Lesegewohnheiten in einem System von Angebot und Nachfrage spüren indes freilich die "dicken Journale": ob die liberal orientierten "Novyj mir", "Druschba narodov" ("Völkerfreundschaft") und "Znamja" ("Banner"), das national-patriotische "nasch sovremennik" ("Unser Zeitgenosse") oder die Reihe "Inostrannaja literatura" ("ausländische Literatur") - keines erreicht eine Auflagenzahl von 10.000. "Da die Buchgeschäfte nie zahlen, verkaufen wir nur noch direkt vom Verlag oder über Abos", berichtet Natalija Bogomolova von "Inostrannaja Literatura": "Vor wenigen Jahren hat uns noch der Financier George Soros unterstützt. Heute bekommen wir nur vom Staat einen kleinen Zuschuss". Dass diese nicht kommerziellen Journale überleben, verwundert, mindert aber nicht ihre Rolle, die sie trotz allem - und gerade für junge Schriftsteller - heute immer noch spielen. Eine Publikation in ihnen wird wahrgenommen.

Die "Idee des Kulturträgers" war es auch, die den ehemaligen Philologen Dmitrij Izkovitsch 1992 den Humanistischen Verlag OGI gründen ließ. Einen kulturellen Umschlagplatz gewissermaßen ersann der rührige Ex-Philologe gleich nach der Rubelkrise 1998 hinzu, indem er begann, eine Reihe von Cafés, "Piroggen" genannt, mit angeschlossenen Buchläden und Galerien einzurichten. Mit erschwinglichen Preisen auf Speisen und Getränke lockt das alternative Klub-Konsum-Netz als Oase für Unterhaltung und Kulturaustausch. In einem Land mit mangelnden Qualitätslokalen für das Gros der schlecht verdienenden Bevölkerung bieten die "Piroggen" nicht nur Lesungen und Konzerte, sondern eine Bleibe rund um die Uhr. "Irgendwann entsteht eine kritische Masse; und die entwickelt sich dann von selbst weiter", erzählt Izkovitsch vom Reklameeffekt des Klubsystems unter Lesern und Kulturinteressierten. 20% der Firmeneinnahmen bringt heute der Verlag, 80% kommen von der Klubkette, in der bereits 500 Angestellte arbeiten. Die 20 Mitarbeiter im Verlag bringen jährlich an die 100 Bücher auf den Markt. Damit ist OGI einer der Hunderten Klein- und Miniverlage, die abseits der wenigen Großverlage das lebendige Rückgrat der postsowjetischen Buchkulturproduktion darstellen. Natürlich decken Großverlage wie Eksmo, AST oder OlmaPress einen Großteil des Buchdrucks ab.

An Autoren mangelt es im heutigen Russland nicht. Darum weiß das Verlagsbusiness, das alle Facetten des russischen Wildwest-Kapitalismus aufweist, nur zu genau Bescheid. Teils abenteuerlich sind die Berichte über den Umgang mit den Schriftstellern: In ihrer Geldnot werden diese als Billigproduzenten für kommerzielle Literatur angeheuert. "Meine Studenten erhalten die lächerliche Summe von 100-250 Dollar pro Monat und Buch" erzählt Literaturprofessor Jesin. Es ist ein offenes Geheimnis, dass manche heutige Bestseller nicht vom angegebenen Autor, sondern von einem Ghostwriterkollektiv verfasst werden. Der Missbrauch der Autoren liegt aber abgesehen von der allgegenwärtigen Verletzung des Copyright auch in der rechtlichen Schutzlosigkeit der Autoren: "Der Russe ist gewohnt, sich für irgendein spärliches Geld zu verkaufen. Außerdem liest er das Kleingedruckte nicht - so betrügt er sich oft selbst", sieht Lessin hier Aufklärungsbedarf. Wenn ein junger Autor 400 Dollar für sein Manuskript erhält, ist es schon viel, weiß Ilja Kotschergin von Kollegen zu berichten: "1000 Dollar erreicht kaum jemand". Einen Schreiberkollegen habe der Großverlag EKSMO zu einem miesen Vertrag gezwungen, indem sie drohten, seine Einladung zur Frankfurter Buchmesse zu verhindern. Und bekanntere Autoren, die sie am Verkauf beteiligen, würden die Verleger einfach mit stark getürkten Auflagenzahlen legen: "Das schwächste Glied im Buchgeschäft bleibt immer noch der Autor". Ob die Verlage nach der Idee eines neuen Gesetzesentwurfes ein fixiertes Minimum je Manuskriptseite zahlen werden - Russlands Umgang mit Gesetzen lässt zweifeln.

Dies umso mehr, als der Autor zu seinem Buch, und möglichst zu einem größeren Verlag kommen will. Nach Iljas erster Publikation hatte ein Agent eines Großverlages angeklopft. Weil Ilja aber seinem Professor, der einen Miniverlag betreibt, im Wort stand, musste er absagen. Es ist weniger der Kleinverlag, der ihn einschränkt, als vielmehr dessen Arbeitsweise. Iljas Professor ließ seine connections spielen und sammelte das Druckgeld beim Ministerium. Damit wird er selbst einiges verdienen, um die Promotion aber kümmert er sich nicht mehr. Wenn Iljas Buch überhaupt in die Geschäfte kommt, so wird es irgendwo unauffindbar liegen. Der einstige Förderer wurde zum Hemmschuh. Die Bande mit dem Gönner zu durchtrennen, ist der junge Autor noch nicht selbstbewusst genug.

An der Promotion aber hängt letztlich alles. Hier ist in den letzten Jahren viel Geschehen. Keine Zeitung und kein Magazin erscheint mehr ohne Bücherkolumne. Die analytischen Radios haben Literatursendungen, und seit dem letzten Jahr vermehrt spezielle Buchsendungen. So bietet gerade eine der trendigen Krimiautorinnen, Marja Donzova, in ihrem Radiotreffpunkt eine Plattform für unbekannte Autoren. Ilja Kotschergin beklagt jedoch einen Mangel an Kritikern, vor allem solcher, die unabhängig von ihrem eigenen Literaturkreis russische Literaturproduktion vorstellen; der Aspekt ist durchaus zu beachten, denn in den Redaktionsstuben arbeiten sehr oft junge Schriftsteller, die tendenziell ihresgleichen propagieren. "Es gibt das Bedürfnis nach russischer Literatur unter den Leuten, aber zu wenig Orientierungshilfen im Buchdschungel", beklagt Ilja. So gebe jemand seine 100 Rubel im Zweifelsfall für eine der vielen ausländischen Übersetzungen aus, denn hier wisse er, dass Qualität das Kriterium für die Übersetzung war.

Logisch, dass Ilja auf einen Durchbruch im Westen hofft: "Das war immer schon der beste Garant für einen Erfolg zu Hause." (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 4./5.10.2003)

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    foto: band "russian art now. aus dem laboratorium der freien künste in russland"
  • Lenin findet Platz in einer Tulpe - der Wappenvogel auch: Marinina Koldoleskajas "Paradiesgarten" aus dem Jahr 1998 - eine plakative Synthese aus holzschnittartiger Volkskunst und moderner Symbolik. Unsere Abbildungen stammen aus dem 2002 bei Hatje Cantz erschienen, von Peter Noever und Joachim Sartorius herausgegebenen Band "Russian Art Now. Aus dem Laboratorium der freien Künste in Russland" (€ 40,-), der VertreterInnen der neuen Kunst Russlands oder der "Generation P wie Pepsi", wie sie Viktor Pelewin nennt, präsentiert.
    foto: band "russian art now. aus dem laboratorium der freien künste in russland"

    Lenin findet Platz in einer Tulpe - der Wappenvogel auch: Marinina Koldoleskajas "Paradiesgarten" aus dem Jahr 1998 - eine plakative Synthese aus holzschnittartiger Volkskunst und moderner Symbolik. Unsere Abbildungen stammen aus dem 2002 bei Hatje Cantz erschienen, von Peter Noever und Joachim Sartorius herausgegebenen Band "Russian Art Now. Aus dem Laboratorium der freien Künste in Russland" (€ 40,-), der VertreterInnen der neuen Kunst Russlands oder der "Generation P wie Pepsi", wie sie Viktor Pelewin nennt, präsentiert.

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