Das Wort in den Zeiten des Krieges

10. Oktober 2003, 11:44
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Musa Geschajew ist der renommierteste Autor Tschetscheniens, Eduard Steiner führte mit ihm ein Interview über Literatur, das zu einem Gespräch über Lügen und den Krieg wurde.

Wenn die Literatur politisch wird, kann sich das auch in der Absenz tschetschenischer Schriftsteller bei der Frankfurter Buchmesse äußern, wo sich Russland als Gastland präsentiert. Zweimal in seinem Leben wurde Musa Geschajew, Tschetscheniens renommiertester Autor, aus seiner Heimat vertrieben; die letzten zehn Jahre lebte er in Moskau. Das Leiden hat selbst beim weisen Mann den ohnehin starken Patriotismus weiter gestärkt und sein Schaffen zu einer Stimme für sein Volk gemacht. Ein wahres Wort will Geschajew den zahllosen Lügen in diesem Gespräch entgegenhalten, das nicht mit einer Interviewerfrage, sondern einem Statement Geschajews beginnt.

Die russischen Truppen machen in Tschetschenien, was sie wollen. Monatlich verschwinden durchschnittlich an die 110 Menschen spurlos. Mit dem Referendum im März hat man das Volk betrogen. Jetzt haben sie sich Wahlen ausgedacht - Wahlen mit angesetzter Pistole, wo klar ist, wer gewinnt. In meinem letzten Buch frage ich, weshalb uns Russland schon 300 Jahre lang tötet, obwohl wir so viel für Russland geleistet haben, als Wissenschafter, Dichter oder als Soldaten, die für Russland bis zum letzten Mann kämpften. Nach Tschetschenien fahre ich derzeit nicht. Für jemanden, der die Wahrheit sagt, ist es dort gefährlich.

Eduard Steiner: Und in Moskau?

Musa Geschajew: Auch hier ist es gefährlich. Die Polizei kontrolliert uns ständig auf der Straße. Meinem Sohn haben sie Rauschgift untergeschoben - diese Praxis ist heute bei der Polizei üblich; Rauschgift oder Munition. Der Krieg wurde vorsätzlich inszeniert, um unser Land auszuplündern. Für viele ist er eine Goldgrube. Ohne diesen Krieg würde es Putin nicht als Präsidenten geben. Die Häuserexplosionen in Moskau 1999 wurden speziell inszeniert wie auch die Geiselnahme im Theater Nordost. Ich weiß, dass es unter ihnen Mädchen gab, zu denen vermummte Männer sechs Monate zuvor ins Haus gekommen waren und sie in der Nacht abgeholt hatten. Wie Beresowskij sagte und die Novaja Gaseta schrieb, steht hinter diesen Ereignissen ein Mensch, der für den russischen Geheimdienst FSB arbeitet. Es war vorgesehen, dass kein einziger Terrorist Nordost überleben sollte, sonst hätte die Welt erfahren, was vor sich gegangen war. Ein Tschetschene, der als Letzter starb, sagte angeblich: "Uns Narren hat man reingelegt und euch Geiseln auch."

Eduard Steiner: Als ich herkam, dachte ich, wie sehr es überhaupt gelingt, über Literatur unabhängig von der Politik zu sprechen.

Musa Geschajew: Wie sollte man nicht all das, was bei uns 300 Jahre vor sich gegangen ist, damit in Verbindung bringen? Vor Ankunft der russischen Armee vor 200 Jahren kannten wir den Diebstahl so gut wie nicht; die Russen kamen und haben jedes Dorf ausgeraubt. Und hier ist noch eine große Spitzfindigkeit. Als sie 1996 die ganze Armee abgezogen haben, hat der russische Geheimdienst 1600 Mitarbeiter im Land gelassen - das sind Tschetschenen, Verräter, die für den FSB arbeiten; ich kenne viele von ihnen. Für Geld entführten sie Menschen und schnitten Köpfe ab. Auch Warlords wie Bassajew haben die Russen aufgezogen. Er hat auch wirklich Geld erhalten, damit er 1999 Dagestan überfiel. Maschadow war ganz und gar dagegen.

Eduard Steiner: Schon unter Stalin wurden Sie nach Kasachstan vertrieben; jetzt nach Moskau. Unter welchen Bedingungen arbeiten Sie hier?

Musa Geschajew: Einige Verwandte leben im Ausland. Nach Kräften helfe ich, dass sie von hier wegkommen, denn ich bin überzeugt, dass wir hier nie ein normales Leben haben werden. Überall nehmen sie uns gut auf, nur hier in Russland behandeln sie uns wie Parias. Als Direktor des staatlichen Theaterensembles Vajnach und tätig im Showbusiness hatte ich die Möglichkeit, ein großes Haus zu bauen. Das haben sie niedergebombt, eine Kompensation haben sie mir verweigert. Ich kann zum Glück von meinen Büchern leben. Außerdem mache ich Sendungen fürs Radio.

Eduard Steiner: Wie sehr spüren Sie Zensur hier?

Musa Geschajew: Zensur herrscht in vollem Umfang. 2000 Exemplare meines Buches Berühmte Tschetschenen wurden auf dem Transport aus Belgien an der russischen Grenze zurückgehalten und vom Geheimdienst einkassiert, weil es angeblich antirussisch ist. Sieben Gerichtsinstanzen habe ich durchlaufen, um die Bücher zurückzuerhalten. Ungleich ärger ist es natürlich in Tschetschenien. Wenn man dort etwas nur ganz leicht Abweichendes schreibt, kommen sie und erschießen dich gleich.

Eduard Steiner: Auf der Frankfurter Buchmesse haben die Russen keinen tschetschenischen Autor ins Programm aufgenommen.

Musa Geschajew: Wenn es nur um Schriftsteller ginge, sei's eben drum. Aber sie tun alles, damit auch andere, zum Beispiel unsere Sportler, nicht zum Zug kommen. Das alles hat Methode. Wiewohl ich nicht sicher sagen kann, dass man uns ganz vorsätzlich aus Frankfurt ausgeschlossen hat.

Eduard Steiner: Was kann Literatur in der Zeit des Krieges?

Musa Geschajew: Gott sei Dank gibt es die Literatur. Einige schreiben mir aus Tschetschenien, andere sagen mir bei den Treffen, dass meine Werke das Brot der Hoffnung auf die Zukunft sind. Man glaubt an uns Schriftsteller.

Eduard Steiner: Sie schrieben in einem Gedicht: "Der Poet hat immer genug Worte". Gibt es den Moment, wo Sie verstummen?

Musa Geschajew: Es kann sein, dass man manchmal schweigen möchte. Aber wenn diese Lüge, die aus dem TV und dem Radio hervorströmt, und wenn dieser Schwall dir ins Gesicht schleudert, du seist ein Bandit, dann kann man nicht mehr schweigen. Gäbe man mir fünf Minuten im TV, ich könnte vieles ändern, indem ich Worte gegen die Lüge unters Volk brächte. Das fürchten sie.

Eduard Steiner: In Ihren Gedichten spielt Patriotismus eine große Rolle, da begegnet gar der Stolz, "in der Schlacht den Sohn verloren zu haben". In unserer westlichen Rezeption gilt allzu großer Patriotismus als verdächtig und macht hellhörig.

Musa Geschajew: Ich verstehe, dass das für den Westen etwas seltsam klingt. Ich messe dem große Bedeutung bei, weil das Volk derzeit kämpft und ein Krieg stattfindet und seit 300 Jahren Druck auf uns ausgeübt wird. Unterdessen haben die Tschetschenen wirklich bewiesen, dass sie tapfer sind, aber vielleicht ist diese Mentalität auch schlecht, vielleicht wären andernfalls viele Tschetschenen nicht gestorben. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 4./5.10.2003)

Eduard Steiner ist der Russland-Korrespondent des Standard,
er lebt in Moskau.

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