Die Anarchie des Angebots

10. Oktober 2003, 11:44
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Unbekannte Klassiker, kühle Avantgarde und Krimikult. Ein Streifzug durch das wilde Biotop der russischen Literatur nach Glasnost und Perestrojka

Die Pferde der Hoffnung galoppieren, doch die Esel der Erfahrung schreiten langsam, sagt ein russisches Sprichwort. Vieles hat sich im letzten Jahrzehnt in Russland verändert und trotzdem ist es für uns ein fremdes, widersprüchliches Land geblieben. Eines, mit dem man mehrere Dossiers füllen könnte. Anlässlich der Frankfurter Buchmesse vom 8. bis 13. Oktober, deren Gastland Russland heuer ist, widmen wir diesen Schwerpunkt der russischen Literatur und dem ökonomischen Umfeld, in dem sie produziert wird.


Der Slogan Sex, Drugs and Rock 'n' Roll war hinüber, ehe mein Vater wusste, welche Farbe Mutters Unterwäsche hatte. Heute müsste er wahrscheinlich lauten: Geld, Radio, Oralsex.' Der Typ, der mir das gesagt hat, starb kürzlich an einer Überdosis Heroin. Genau genommen sind knapp die Hälfte meiner Bekannten gestorben, bevor sie dreißig waren. . . . In diesem Jahr werde ich dreißig. Keine Ahnung, wie ich das geschafft habe."

Wer hat das geschrieben? Ein amerikanischer Kultautor? Ein deutscher Popliterat? Falsch. Das Zitat stammt aus dem Roman Machos weinen nicht des Petersburger Schriftstellers Ilja Stogoff. Unbemerkt vom Westen ist in Russland eine neue Literatur entstanden. Deren Geschichte beginnt in den 90ern.

Dieses wilde Jahrzehnt ist schon zur Legende geworden: die Jahre der großen Gier, des schnellen Geldes, der kometenhaften Karrieren - und des Massenelends. Und in literarischer Hinsicht schlug nach der Perestroika fast eine "Stunde null". Es gab schon keinen Underground mehr, aber auch noch keinen Mainstream. Während die ehrwürdigen Dissidenten - Aksjonow, Woinowitsch, Solschenizyn usw. - ihre Friedensdividende einstrichen, stieg gleichzeitig die "Literatur des Bösen" an die Oberfläche, entwickelten Autoren wie Vladimir Sorokin, Viktor Jerofejew und Ludmilla Petruschewskaja ihre antihumanistischen Schockkonzepte.

Derweil gingen die so genannten "dicken Literaturzeitschriften" ein, verloren die alten Literaturpreise ihren Glanz, rollte eine Welle der Massenliteratur über das Land - erst die nachgeholten Importe aus dem Westen, dann die neuen russischen Krimis, Thriller und Liebesromane. Die größten Verlage produzierten bis zu 250 Titel im Monat, ein Drittel davon Frauenkrimis. Die neuen Stars dieses Genres heißen Polina Daschkowa, Alexandra Marinina und Viktoria Platowa. Eine Schande für die Literatur, meinten die russischen Kritiker, die schon immer wussten, dass ein gutes Buch nicht spannend und auf gar keinen Fall ein Bestseller sein darf.

Tatsächlich gab es Auswüchse. So existierten einige Krimiautorinnen nur auf dem Papier; hinter ihnen verbargen sich so genannte "Literatur-Neger", die in der Schreibfabrik unter einem gut (und unbedingt russisch) klingendem Namen und hinter einem namenlosen hübschen Gesicht publizierten. Und dennoch wurden die gesellschaftlichen Veränderungen nirgendwo präziser - und fast in Echtzeit - dokumentiert als im Kriminalroman. Er hatte zudem einen therapeutischen Effekt: Am Ende siegt im Krimi immer das Gute, und der Einzelne konnte wieder Vertrauen in eigene Handlungsmöglichkeiten gewinnen.

Dem Krimiboom ist es auch zu verdanken, dass etwas entstand, was es in Russland noch nie gegeben hatte: eine anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur, bei der sich die Grenzen zwischen "U" und "E" verwischen (z.B. Andrej Kurkow oder Boris Akunin mit seinen "Fandorin"-Romanen). Ein nicht zu verachtender Nebeneffekt: Die neue russische Unterhaltungsliteratur bringt auch dem westlichen Leser das Land näher und macht Appetit auf mehr und vielleicht Anspruchsvolleres. Dazu räumt sie mit dem Klischee auf, dass die Russen mit ihrem Hang zu philosophisch-moralischen Sentenzen und ihren ewigen Vatersnamen doch zu schwermütig und unzugänglich seien.

Massenliteratur hat sich stets bei der Hochliteratur bedient. Nun nutzen die Literaten umgekehrt das Potenzial des Trivialen. Sergej Bolmats erster Roman Klick kommt als Thriller à la Tarantino, aber in der Sprache Nabokovs daher. Vladimir Sorokin verwendet in seinem zeitdiagnostischen Roman LJOD. Das Eis Trivialmythen aus Kino, Thriller, Krimi und Sciencefiction. Andrej Gelassimow wurde über Nacht zum Star der russischen Literaturszene - für seine zuerst im Internet veröffentlichte Erzählung Das zarte Alter erhielt er 2002 den Preis für das beste Debüt. Er musste sich, nur weil er für seine Figuren ein Happyend nicht ausschließt, von der immer noch wachsamen Kritik den Vorwurf anhören, er treibe ein zynisches Spiel mit den Kitschbedürfnissen des Lesers.

Doch die neuen Autoren legen keinen Wert auf die traditionellen Literaturzirkel, schließen sich keinem Schriftstellerverband an. Sie sind Einzelgänger und glauben nicht mehr daran, dass "ein Dichter in Russland mehr ist als ein Dichter" (Jewgenij Jewtuschenko). Die Debütanten der letzten Jahre haben meist kein Literaturinstitut besucht, sondern kommen aus ganz anderen Lebensbereichen. Michail Jelisarow ist ausgebildeter Opernsänger, Dmitri Lipskerow Besitzer einer erfolgreichen Restaurantkette. Wladimir Tutschkow gehört zu den Pionieren der russischen Computerszene. Ilja Stogoff hat Sportfahrräder verkauft, Leder und Pelze zugeschnitten, war Putzmann in Berlin, TV-Moderator und Kirchen-Korrespondent. Doch womit sie auch immer ihr Geld verdienen (mit ihrem Schreiben in aller Regel jedenfalls nicht) - Literatur ist und bleibt der wichtigste Teil ihres Lebens.

Vor dem Eintritt in die heiligen Hallen der Literatur standen früher die "dicken Literaturzeitschriften" wie Nowij Mir, Snamja oder Drushba narodow. Wer in diesen Organen der "literarischen Zensur" nicht seine ersten Texte veröffentlichte, hatte keine Chance auf ein Buch. Doch das ist vorbei. Schriftsteller werden inzwischen wie Popstars verehrt und in Hochglanzzeitschriften wie OM, Afischa oder im russischen Playboy gefeiert, die sämtlich ambitionierte Literaturteile pflegen. Inzwischen kommen viele junge Schriftsteller durch die "Hintertür" des Internets, darunter Autoren aus der "Provinz", die sonst im notorisch zentralistischen Russland schwerlich eine Rolle spielen könnten - Oleg Postnow lebt in Nowosibirsk, Irina Denezkina in Jekaterinburg, Dmitri Bawilski in Tscheljabinsk. Das Netz macht es auch für Emigranten, wie Michail Jelisarow, Sergej Bolmat oder Julia Kissina, die in Deutschland leben, möglich, in der Jetztzeit zu leben, Teil des innerrussischen Diskurses zu sein.

Im Internet werden Hunderte von Romanen erstveröffentlicht und zum kostenlosen Download bereitgestellt, Preise vergeben und literarische Debatten geführt. Die These, dass das Internet eine Gefahr für das Buch darstelle, findet in Russland keine Bestätigung - ganz im Gegenteil, gerade im Netz werden heute literarische Karrieren gemacht und junge Leser an die Literatur herangeführt. Für die russischen Literaten ist das RuNet, das russische Internet, längst ein Ort des realen Lebens geworden, die virtuelle Wiedergeburt der intellektuellen "Küchen"-Treffen früherer Zeiten.

Die neuen Autoren folgen keiner Ideologie und keinem ästhetischen Manifest. Insofern mögen sie die wahren "Postmodernisten" sein, wenn man Postmoderne als ästhetische Demokratie versteht, als Ende der Diktatur eines Stils. Die literarische Sprache war diskreditiert durch den staatssozialistischen Missbrauch. Die jungen Schriftsteller haben die Alltags- und Umgangsprache wiederentdeckt, neu erfunden und damit das Stammeln der 90er-Jahre überwunden. Sie wissen, dass es viele Wahrheiten gibt. Sie schreiben nicht von oben herab, sondern begeben sich auf eine Ebene mit ihren Figuren. Diese Autoren wollen herausfinden, wer sie sind. Und wenn es eine Moral gibt, dann ist sie als Contrebande in den Texten versteckt.

Die beliebte These, die russische Literatur brauche "noch dreißig Jahre", um ihre kulturelle "Verspätung" dem Westen gegenüber aufzuholen, ist längst widerlegt. Die Marktwirtschaft ist schnell über Russland gekommen, und ihre Adepten haben sich rasch in der globalen Konkurrenz- und Konsumwelt zurechtgefunden: In nur zehn Jahren haben die jungen Autoren den Kapitalismus fasziniert aufgenommen, durchschaut und abgehakt.

Was bleibt, wenn alle Ideologien und Illusionen verloren sind? Ilja Stogoff beschreibt in Machos weinen nicht eine Generation, die 15 war, als die Perestroika einsetzte, 20, als die Sowjetunion zusammenbrach, 25, als der Krieg in Tschetschenien begann. Sie hatte keine Ideale, keine Vorbilder, nicht einmal ein Feindbild, und diese jungen Leute hätten alles Mögliche werden können: Alkoholiker, Drogensüchtige, sogar Mörder. Der gleichaltrige Wladimir Spektr zeigt in seinem Roman Face Control die Verlorenheit von Moskaus Jeunesse dorée und stellt ein im Westen ganz unbekanntes modernes russisches Bewusstsein aus. Sein Held ist ein russischer Unternehmer, gerade einmal 25, Chef einer Werbefirma, er fährt einen schicken Wagen und trägt Markenklamotten. Er spürt das rasche Vergehen seiner Jugend und sieht eine Welt heraufdämmern, in der die "corporations ohne Gesicht" endgültig die Macht übernehmen und die Ära des totalitären Kapitalismus einläuten.

Autoren wie Stogoff und Spektr wird Amoralität vorgeworfen, dabei wollen sie nur die gebrochene Vase wieder kitten. Beider Helden versuchen, lieben zu lernen, in einer Welt, die ihnen gegenüber gleichgültig ist. Im Gegensatz zu Sorokin oder Viktor Jerofejew, die Realität immer als Groteske empfunden haben, nehmen sie die Wirklichkeit bitterernst. Und "Liebe" überhaupt zu thematisieren, das kam etwa Viktor Pelewin, dem Autor von Generation P, nicht in den Sinn.

Alexander Prochanow propagiert in seinem Roman Herr Hexogen eine eigenartige Melange aus Sowjetnostalgie, Autoritarismus und Antisemitismus. Der phänomenale Erfolg dieses Buches ist vor allem ein Skandal der russischen Literaturkritik, die die künstlerische Qualität dieses offensichtlich drittklassigen Schriftstellers gefeiert hat. Prochanow suggeriert, dass die tschetschenischen Terroristen zugeschriebenen Bombenanschläge gegen Moskauer Wohnblocks im Jahre 1999 in Wahrheit vom russischen Geheimdienst FSB verübt wurden. Das sollte Präsident Putin in Bedrängnis bringen, wurde jedoch als rein künstlerische Erfindung rezipiert. In der Massenliteratur gibt es eben keine Minen, die hochgehen könnten. Und Prochanow hat nun keine Zeit mehr, sich um politischen Kampf zu kümmern. Er muss rasch den nächsten "Bestseller" fertig stellen.

Gefährlicher noch als das Medienphänomen Prochanow ist das Kokettieren mancher Intellektueller mit nationalistischen Ideen, die aus Minderwertigkeitskomplexen erwachsen und die Putin so geschickt zu nutzen weiß. "Nur der zählt heute wirklich zur Intelligenz, der sich in die Pflicht des Staates stellt und dessen Auftrag erfüllt", ließ der modische Petersburger Autor Pawel Krusanow kürzlich verlauten. Alexander Solschenizyn wirft in seinem neuesten Buch Zweihundert Jahre zusammen den Juden vor, stets alle wichtigen Positionen in Politik, Wirtschaft und Kultur erobert zu haben. Doch wer trägt die Schuld daran, dass die Juden die "besseren" Russen sind und dass sie die russische Geschichte vorantreiben mussten, während die Russen sich lieber im Spiegel der "geheimnisvollen russischen Seele" betrachteten?

In die Geschichte zurück greift auch Michail Kononow mit seinem Roman Die nackte Pionierin. Dieses alles andere als heroische Gemälde des Zweiten Weltkriegs, gesehen mit den Augen einer 14-jährigen "Regimentshure", während der Perestroika geschrieben, konnte erst zwölf Jahre später erscheinen. Kein Verlag wollte das Wagnis eingehen, diesen großen Roman zu veröffentlichen. "Kinderpornografie" hieß es (Nabokovs Lolita war längst in Russland veröffentlicht), und gemeint war: Hier wird das letzte sowjetische Heiligtum, der Mythos vom "Großen Vaterländischen Krieg", beschmutzt. Der Kampf um ästhetische und politische Freiheit ist noch nicht zu Ende. []

Boris Akunin, Russisches Poker. Aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke. € 8,20/192 Seiten. Aufbau, Berlin 2003.
Dmitri Bawilski, Das, was wir Frühling nennen. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. € 18,50/ 200 Seiten. Aufbau, Berlin 2003.
Sergej Bolmat, In der Luft. Aus dem Russischen von
S. List und M. Fieseler. € 25,60/400 Seiten. Beck,
München 2003.

Irina Denezkina, Komm. € 18,50/256 Seiten. S. Fischer, Frankfurt/Main 2003.
Michail Jelisarow, Die Nägel. € 15,40/128 Seiten.
Reclam Leipzig, Leipzig 2003.

Michail Kononow, Die nackte Pionierin. Aus dem
Russischen von Andreas Tretner. € 22,50/288 Seiten. Kunstmann, München 2003.

Viktoria Platowa, Die Diva vom Gorki-Park. Aus dem Russischen von Olga Kouvchinnikova und Ingolf
Hoppmann. € 8,80/400 Seiten. Aufbau, Berlin 2003.

Oleg Postnow, Angst. Aus dem Russischen von
Ganna-Maria Braungardt. € 20,50/320 Seiten. Rowohlt Berlin, Berlin 2003.

Ilja Stogoff, Machos weinen nicht. € 20,50/368 Seiten. Droemer, München 2003.
Wladimir Tutschkow, Der Retter der Taiga. Aus dem Russischen von David Drevs. € 14,40/200 Seiten. dtv, München 2003.
Ludmila Ulitzkaja, Die Lügen der Frauen. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. € 17,40/
168 Seiten. Hanser, München 2003.


Galina Dursthoff ist Literaturagentin und Kennerin der russischen Literaturszene. Sie lebt in Köln. Kürzlich erschien von ihr die Anthologie "Rußland. 21 neue Erzähler" (€ 9,80, dtv) mit Texten der interessantesten AutorInnen des modernen Russland. Alle Texte dieser Sammlung erscheinen zum ersten Mal auf Deutsch und als besonderes Schmankerl stellt sich jede(r) der 21 AutorInnen selbst dem deutschen Publikum vor. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 4./5.10.2003)

Von Galina Dursthoff
  • Vorwärts in die Zukunft - aber in 
welche 
Richtung? 
Der Maler und Kinderbuchillustrator Erik Bulatov markiert mit "Krassikow-Straße" (1976) den Übergang vom verordneten Realismus zu 
eigenen 
Ausdrucks- 
formen. 

Abb. aus dem Katalog der Ausstellung "Traumfabrik Kommunismus", die zurzeit in der Frankfurter Schirn läuft.
    abb. aus dem katalog der ausstellung "traumfabrik kommunismus",

    Vorwärts in die Zukunft - aber in welche Richtung? Der Maler und Kinderbuchillustrator Erik Bulatov markiert mit "Krassikow-Straße" (1976) den Übergang vom verordneten Realismus zu eigenen Ausdrucks- formen.

    Abb. aus dem Katalog der Ausstellung "Traumfabrik Kommunismus", die zurzeit in der Frankfurter Schirn läuft.

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