Gift der Koalition

14. Oktober 2003, 19:16
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Grasser, der Gott der Gebrauchtwagenhändler - Kolumne von Günter Traxler

Nun soll der Grasser an allem schuld sein. Eine Zeit lang hat keiner die schwarz-blaue Vereinigung strahlender im Fleische verkörpert als der politische Hermaphrodit karinthischer Fechsung: Götterbote im Wende-Olymp, den zwei Porschefahrer einst den Österreicherinnen und Österreichern eröffneten, Gott der Gebrauchtwagenhändler wegen seiner Fähigkeit, Vertrauen in ein Vehikel wie diese Koalition zu stimulieren, und ausgestattet mit jener Aura von Aalglätte, über die so viele Helden verfügen, die bläulich schaumgeboren dem Wörthersee entsteigen. Und nun, bloß wegen einiger schlecht ausgegangener Wahlen soll er Flügelhut und Stab nehmen und sich auf die Socken machen?

Es gibt keine Gerechtigkeit mehr. Was hat uns der Mann, dessen Parteilenden KHG entsprossen ist, nicht alles über dieses angebliche Objekt der Begierde zahlloser Schwiegermütter - also Wählerinnen - vorzuschwärmen gewusst! Und jetzt? "Er ist das Gift der Koalition", vertraute er seinem Leibblatt heiße News an.

"Er ist Verursacher sämtlicher Debakel der Regierung, von der Unfallsteuer bis zur Voest-Privatisierung zieht sich seine Blutspur, die Wasser auf die Mühlen der Opposition ist", steigerte sich Haider (Jörg) in einen Metaphernrausch, der wenigstens die Sprachpolizei, wenn schon nicht Onkel Dichand auf den Plan rufen müsste. Mit einem Mal soll das Wahlzuckerl, mit dem Schüssel so vielen FPÖ-Wählern die Bitternis von Knittelfeld versüßte, "ein Programm der aktiven Wählervertreibung" sein.

Das einzig Neue, das Haider damit verrät, ist aber nicht, dass Grasser in seinem "neoliberalen Wahn nichts zusammenbringt, sondern nur Strukturen zerstört" - das sagt die Opposition schon lange. Neu ist lediglich, dass er den Sack haut, weil er sich an Schüssel nicht herantraut. Hat er früher durchaus und ohne falsche Scham dem Kanzler und ÖVP-Obmann die Schuld am Niedergang der Freiheitlichen zugeschoben, so muss er nun etwas vorsichtiger taktieren. Er muss Opposition vortäuschen, weil der Regierungskurs voll zulasten der FPÖ geht, er kann aber die Regierung nicht stürzen, wenn er seine Chance wahren will, von der ÖVP wieder zum Kärntner Landeshauptmann gemacht zu werden. Das ist aus seiner Warte verständlich, aber was kann der arme Zwitter dafür?

Neu ist freilich auch, dass sich immer mehr ÖVP-Politiker am neoliberalen Wahn Grassers stoßen. Wenn schon nicht äußerlich - wenigstens innerlich scheinen Wahlen in der Volkspartei offenbar doch Veränderungen zu bewirken. Dort wächst die soziale Sensibilität zwar nicht aus Liebe zum Publikum und auch nicht mit dem Quadrat der verlorenen Stimmen, aber immerhin proportional dazu. Dabei gilt für die kritischen Länderpolitiker aber genau dasselbe wie für Haider: Sie hauen Grasser für den neoliberalen Kurs, den sie bis vor den Landtagswahlen eifrig mit vertreten haben, weil ihn der eigene Parteiobmann verordnet hat. Und so lange der nicht daran denkt, davon abzugehen, gießt man den Unmut über Grasser aus und in die Schleimformel, man müsse die (neoliberalen) Reformen "nachhaltiger" kommunizieren.

Das wird sie auch nicht kommunizierbarer machen. Mag die Ungerechtigkeit, die Grasser nun widerfährt, Ästheten traurig stimmen, Sorgen müssen sie sich um ihn nicht machen. Der könnte sich noch ein paar Homepages und Steuerschnurren leisten, wegen des Bisschen Gemurres wird der Kanzler seinen Wendehals und wichtigsten Gehilfen nicht preisgeben, das wäre eine Bankrotterklärung. Die Verschleuderung von Volksvermögen, die Haider - und nicht nur er - dem Finanzminister vorwirft, ist Wolfgang Schüssels Programm. Wer das "Gift der Koalition" beseitigen will, der darf den Mischer nicht in der Himmelpfortgasse suchen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.10.2003)

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    Ex-Mentor Jörg Haider über Überläufer Grasser: "Er ist Verursacher sämtlicher Debakel der Regierung, von der Unfallsteuer bis zur Voest-Privatisierung zieht sich seine Blutspur, die Wasser auf die Mühlen der Opposition ist"

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