Die Kraft der Liebe

12. Oktober 2003, 19:51
14 Postings

Würden bei uns Manager erfolgreicher Firmen als wichtige Inspirations- und Kraftquelle "Liebe" angeben? - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Topmanager, Technologiegurus und Professoren aus Indien und Silicon Valley - von Rajiv Dutta, CFO von E-Bay, Hotmail-Gründer Sabeer Bhatia bis C. K. Prahalad - kamen mit 100.000 weiteren Anhängern aus 191 Ländern im Fußballstadion von Kochi zu einem ungewöhnlichen Anlass zusammen: dem 50. Geburtstag von Sri Mata Amritanandammayi, genannt Amma. Ihre Kernkompetenz: Liebe. Ihre Geste: die Umarmung. Vier Tage lang hat sie mehr als hunderttausend Männer, Frauen und Kinder umarmt. Amma ist weder Guru noch Coach, gehört jedoch zu den wohl einflussreichsten Persönlichkeiten des Landes. Sie steht hinter Computerschulen, Waisenhäusern, Kliniken und Entwicklungsprojekten in über 30 Ländern. Ein spirituelles Imperium, das auf bedingungsloser Nächstenliebe aufgebaut ist.

Würden bei uns Manager erfolgreicher Firmen als wichtige Inspirations- und Kraftquelle "Liebe" angeben? Wohl kaum. Was zählt, ist der Kopf, gepaart mit viel Ehrgeiz und gerade genug emotionaler Intelligenz, um in den heutigen Netzwerkstrukturen und flachen Hierarchien Erfolg zu haben. Ohne Härte gleich Stärke gleich Ego - wie in Barbara Bierachs Buch "Das herrschende Geschlecht" nachzulesen, ist nichts zu erreichen: Wer "weiche Seiten" propagiert, steht als Manager ziemlich blöd da. "Wenn du einen Freund suchst, dann kauf dir einen Hund", sagte Börsenstar Gordon Gecko im 80er-Jahre-Kultfilm "Wall Street". Das sollte jedoch der Vergangenheit angehören. In Sachen Emotion und Spiritualität folgt dem Drang zur Kompensation - so wuchs der Umsatz bei esoterischer Managementliteratur allein im letzten Jahr um 27 Prozent - der Wunsch nach Integration von Kopf und Herz.

Dabei geht es nicht um Gefühl als Managementtool, um Erweiterung der Führungstechnik durch vermeintliche "Liebe", sondern um die vorgelebte Symbiose rationaler und emotionaler Werte. Genau das ist es auch, was den Unterschied ausmacht in der Führungs- und Unternehmenskultur:

1 Ausgewogen: Ein Unternehmen ist kein Wellnessklub, aber auch keine Maschine, in der viele "Rädchen" ineinander greifen, wenn sie nur richtig eingestellt werden. Man muss sich Werte auch leisten können - vor allem in schwierigen Zeiten.

2 Glaubwürdig: Ihre Wirkung verdankt Amma vor allem dem absoluten Einklang von Motiven und Handeln. Sprache und Handeln sind stimmig und werden daher als "wahr" empfunden.

3 Vorgelebt: Liebe muss gelebt und nicht vorgeschrieben werden, um zu halten. Als Michael Hilti den diesjährigen Carl-Bertelsmann-Preis für Erfolg durch Unternehmenskultur in Empfang nahm, meinte er: "Wäre ich ein Amerikaner, würde ich jetzt sagen: I love you all. Mein Gefühl ist aber eines des stillen Glücks und der leisen Liebe zu meinen Mitarbeitern." Das ist die Leitplanke für jede große Entscheidung in seinem Unternehmen.

4 Sichtbar: Wie Ammas Umarmung oder der Händedruck, mit dem Loki Schmidt als Gast bei Beckmann auf die Frage antwortete, wie sie mit ihrer Liebe ihren Mann unterstützt habe - ohne sinnlich erfahrbare, sicht- und spürbare Zeichen für unsere Gefühle kommen wir nicht aus. Auch Männer müssen das lernen.

Wer also über die erfolgreichen CEOs, die mit "Amma" Geburtstag feierten, den Kopf schüttelt, sollte sich das zweimal überlegen. Denn im gelungenen Dialog zwischen Herz und Kopf begründet sich deren Erfolg - und Glück. "Arbeit und Liebe" so lautet die Einsicht Sigmund Freuds, bilden nur zusammen die entscheidenden Säulen geglückten Lebens.

Nachlese

->Volkstheater Voest
->Manna vom Osten
->Es lebe die "Diktokratie"
->Goodbye Gurus?
->Wohlstand für viele Menschen
->Höchst gesunde Aussichten
->Die hohe Kunst des Ausruhens
->"...hominis est errare...
->Europas Zukunft sieht alt aus
->Sind Optionen keine Option?
->Brand It Like Beckham
->Jazz statt Symphonie
->Erfolg=Wissen mal Fähigkeiten
->Wozu braucht man Berater?
->Veränderungs-Dilemma
->Ein Plädoyer für Strategie
->Wenn Manager autistisch werden
->Sag mir, wo die Frauen sind ...
->Ich google - Sie auch?
->Die Demokratisierung des Luxus
->Abschied von der AG?
->Die Geheimnisse des Phoenix
->Siegen à la Alinghi
->Anleitung zum Glücklichsein
->Die Suche nach dem Mehr
->Lust auf Leistung
->Eine doppelte Melange
->Sei willkommen Krise?
->"Denk' ich an Deutschland..."
->Gegen die Endzeit-Stimmung

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.