Lehrermangel in Physik und Chemie

9. Oktober 2003, 20:58
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Trotz der Stundenreduktion gibt es Lehrermangel in einigen Fächern

Wien - Lehramtsstudien in den Naturwissenschaften kämpfen mit sinkendem Inte^res^se: Waren vor fünf Jahren an der Wiener Physik noch 439 angehende Lehrer inskribiert, sind es zuletzt nur mehr 283 gewesen. Ähnlich schaut es bei der Biologie aus, die wegen sinkenden Studenteninteresses heuer vom Rektorat der Uni Wien ein deutlich geschrumpftes Budget für ihr Lehrangebot zugeteilt bekam. Dennoch stehen nach wie vor 66 ausgebildete Biologen auf der Warteliste für die Wiener AHS. Noch mehr Überangebot herrscht an Deutsch- und Geschichtelehrern.

Ein G?riss gibt es hingegen um Physiker. Einer Wiener AHS fehlt noch immer ein Physiker, andere sind in den Bundesländern fündig geworden. In letzter Zeit sei die Zahl seiner Studenten, die bereits an einer Schule unterrichten, deutlich gestiegen, sagt Uniprofessor Helmut Kühnelt.

Kühnelt, der auch Obmann des Vereins zur Förderung des physikalischen und chemischen Unterrichts ist, kritisiert die schwache Fachdidaktik einerseits, aber auch "widersprüchliche Signale" aus dem Bildungsressort: So sei die Verunsicherung unter der Studentenschaft durch die Stundenkürzung groß gewesen. Physik war ja auch unter den "Opfern". Wer heute Physik studiert, ist jedoch meist gar nicht am Lehramt interessiert: Die Uni Wien "produziert" in diesem Bereich nur mehr rund 20 bis 25 Absolventen jährlich. Insgesamt habe sich nach einer "naturwissenschaftlichen Euphorie" in den Sechziger- und Siebzigerjahren nun Skepsis breit gemacht, bedauert Kühnelt. Der Fehlbestand an Physik- und Chemielehrern werde sich daher weiter zuspitzen.

Wie der Wiener Stadtschulrat dem Standard berichtet, herrscht auch anderswo Mangel: traditionell bei Sonderpädagogen sowie bei künstlerischen Fächern, heuer aber auch erstmals in Latein. An den BHS ist die Informatik weiterhin unterbesetzt. Die ersten Absolventen des entsprechenden Lehramtsstudiums kommen erst in drei Jahren auf den "Markt", dazwischen behilft man sich mit Praktikern.

Außerhalb der Mangelfächer sah es für Junglehrer aufgrund der ab Herbst geltenden Stundenreduktionen aber besonders schlecht aus: Die Wartelisten in allen Bundesländern wurden länger. Zum Beispiel warten allein in Niederösterreich insgesamt 1662 Pädagogen aus allen Bereichen auf Anstellung.

Licht am Horizont gibt es jedoch durch das "Vorruhestandsmodell", das Lehrern eine frühere Pensionierung, allerdings mit deutlichen Gehaltseinbußen, ermöglicht (Ende der Einreichfrist: 31. Oktober). In Wien befinden sich aus diesem Grund bereits 164 Pflichtschullehrer bis Jahresende im "Sonderurlaub".

Diese Beurlaubung ist an höheren Schulen nicht möglich. Auch dort liegen bereits Hunderte Anträge auf Pensionierung vor. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.10.2003)

Von Martina Salomon
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