"Die Möglichkeit fängt an zu spinnen"

10. Oktober 2003, 11:39
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Alexander Kluge im Interview mit Claus Philipp über sein neues Buch "Die Lücke, die der Teufel lässt"

"Die Lücke, die der Teufel lässt": 500 Geschichten erzählt der deutsche Schriftsteller Alexander Kluge in seinem neuen Buch – über U-Boot-Fahrer, missglückte Gemeinwesen oder Nachfahren des Odysseus. Claus Philipp sprach mit dem diesjährigen Büchner-Preisträger.


STANDARD: Beginnen wir mit einem ersten Eindruck. Einerseits haben Sie im Jahr 2000 mit der "Chronik der Gefühle" Ihre bisherigen Prosatexte überarbeitet. Andererseits, 2001: Ihre "gemeinsame Philosophie" mit Oskar Negt, "Der unterschätzte Mensch". War das eine Vorbereitung für "Die Lücke, die der Teufel lässt"?

Alexander Kluge: Nachdem diese beiden Bücher veröffentlicht waren, habe ich mich freier gefühlt. Ich konnte neue Geschichten erzählen. Die 500 Geschichten hier sind aus den letzten drei Jahren. Dazu kam: Noch 1989 hatte man in der Bundesrepublik das Gefühl – auch in Hinsicht auf Pers^pektiven für die Kinder – wir gehen in ein augusteisches Zeitalter, alles wird harmonisch. Das Gegenteil trat ein.

Die Wirklichkeiten auf dem Planeten beginnen, ihre Romantätigkeit zu intensivieren. Die Möglichkeit fängt an zu spinnen. Gewiss, über das, was man direkt miterlebt bzw. was man im Fernsehen sieht, kann man keine Geschichte schreiben. Aber der Impuls, dass Fragen sich intensivieren, dass Geschichten nach Ausdruck verlangen – das habe ich sehr stark empfunden.

STANDARD: Kommen wir gleich zu einem kurzen Text, "Ein Fluss mit Vergangenheit". Da geht es um das russische Flüsschen Pripjat in der Nähe von Tschernobyl, und da werden lediglich in einer Fußnote die "hervorragenden Koagulantien für radioaktive Teilchen" erwähnt. Dazu das Bild eines kontaminierten Hundes. Der Text selbst war bereits in "Der unterschätzte Mensch" ein Gelenk zwischen "Öffentlichkeit und Erfahrung" und "Maßverhältnisse des Politischen".

Kluge: Das ist da einfach reingerutscht, weil Tschernobyl für mich eine Metapher für das missglückte Gemeinwesen darstellt. Die Elementarteilchen, die da freigesetzt werden, haben eine Halbwertszeit von 300.000 Jahren, und das Gemeinwesen Sow^jetunion, das den Schaden beheben müsste – diese Republik hatte eine Halbwertszeit von zweieinhalb Jahren. Seither sind drei verschiedene Republiken "negativ zuständig", wie der Jurist sagt. Dieser neue Zustand gibt mir zu denken.

STANDARD: Dem halten Sie den Vorschlag einer verschwöre^rischen Gemeinschaft zum Schutz der Menschheit entgegen. Oder, als Geschichtenerzähler, einen Grafiker, der sich mit der Frage beschäftigt: Wie wären Warnzeichen in/für die Zukunft zu gestalten?

Kluge: Er hat ein wirkliches Problem ins Auge gefasst: Möglicherweise wird in Tausenden von Jahren kein Zeichen, das wir uns ausdenken, noch verständlich sein. Wie können wir also die Orte des Unglücks kennzeichnen, einer Katastrophe, die dann immer noch nachwirkt?

Gehen Sie davon aus: Beim Geschichtenerzählen ist man nicht parteiisch wie bei einem diskursiven Text, wo man sagt, das eine ist richtig, das andere ist falsch. Und da ist jemand, der vor sich hin spinnt entlang der Frage, wie kann man sich verständlich halten über die Zeiten – genauso eine schräge Denkform, wie wenn ich ein Kernkraftwerk plane und nicht beschützen kann.

STANDARD: Sie denken also Rüstzeug, das Sie sich erwarben, noch einmal zusammen. Wie einen Atlas ...

Kluge: Das ist etwas, das mir sehr entgegenkommt. Wir arbeiten wie Geografen an Landkarten, aber es sind Landkarten der Erfahrung, die auch die innere Stimme mit berücksichtigen. Das ist Erzählen.

Und die Geschichten bilden untereinander Gegensätze oder Konkurrenzen. Über ein paar Ortsangaben hinweg kann man an verschiedenen Enden des Buches auf dieselbe Erzählung stoßen. Zum Beispiel sämtliche Wasserläufe vom Flüsschen Pripjat hin zur Wolga oder dem Brahmaputra, dem Euphrat und Tigris: Wenn Sie nun in dem Buch alle Flüsse und Erzählungen übers Wasser zusammen greifen, haben Sie eine eigene Geschichte.

STANDARD: Ein Kartograf weiß am Anfang natürlich nicht, wie die Landkarte, die er zeichnet, aussehen wird. Er kann sich bestenfalls an etwas orientieren, das es vorher gab.

Kluge: Dazu kommt erschwerend, dass ich über bewegte Objekte erzähle. Schiffe. Seefahrer. Gibt es an der anderen Seite des Atlantiks ein neues Land? Das wäre eine interessante Fragestellung. Bei Variationen unserer Erfahrung: Was sind die neuen Küsten? Wo komme ich an? Das ist eine grundlegende Frage, die auch schon Odysseus beschäftigte.

Deswegen gibt es in meinem Buch auch Heimkehrergeschichten, die fragen: Wie sind die europäischen Außengrenzen befestigt? Was ist das verheißene Land? Was ist die Erwartung, die so viele Menschen nach Europa treibt? Dann: Feuerwehrgeschichten, U-Boot-Geschichten, Geschichten vom Kosmos. Verschiedene Orte, sehr verschiedene Dimensionen, und die muss man Echolot-artig abtasten durch Erzählungen.

STANDARD: Aber wenn während des Schreibens nicht absehbar ist, wohin sich das Schiff bewegt, wie gewinnt ein Buch wie "Die Lücke" Form?

Kluge: Zunächst mal, indem man die wichtigste Frage als Kapitel eins bezeichnet. Die Geschichten, die zu verschiedenen Zeiten geschrieben sind, rücken jetzt gravitativ in Richtung dieses ersten Kapitels, wenn sie auf die Frage antworten: "Was ist der Unterschied zwischen lebendig und tot? Was heißt lebendig?" Das ist keine einfache Frage. Wie Heiner Müller sagte: Auch die Toten leben in uns.

STANDARD: Was bedeutet dann in diesem Buch Recherche? Sie bestehen ja darauf, dass viele Geschichten tatsächlich Fakten wiedergeben.

Kluge: Nehmen Sie einmal so eine Sicherheitskonferenz, die in München stattfindet und auf der ich für dctp Gespräche führte, kurz vor Ausbruch des Irakkrieges. Zwei Gesprächsebenen waren da zu beobachten. Die eine: Es ist alles entschieden, wie richten wir uns darin ein? Die andere: Wir diskutieren im Moment der Gefahr Völkerrecht, Strategien, Clausewitz. Da gibt es jetzt einen Arbeitszeitmesser, der mit seiner Methode fragt:

Wie viele sind hier Moderatoren, Lobbyisten, Dienstleister – und wie viel ist noch klassische kritische Intelligenz? Wie auffällig wäre es, würde vor dieser Öffentlichkeit ein Vortrag von Jürgen Habermas gehalten? Wie sehr würde der stören? Die Lücke in diesem teuflischen Verfahren ist, dass die Intelligenz zwar zum Dienstleister wird, in ihrer kritischen Fähigkeit unterworfen wird – aber sie gehorcht dennoch nicht. Die unterworfene Intelligenz ist genauso eigensinnig und widerborstig, wie es vorher die kritische war.

STANDARD: Dafür finden Sie auch Beispiele aus dem Untergang der Sowjetunion.

Kluge: Auf der einen Seite freue ich mich, wenn große Machtsysteme zusammenbre 5. Spalte chen. Andererseits glaube ich, dass den Menschen und der Arbeit und der Mühe, die sich Leute geben, übrigens auch der Kenntnis von Problemen, das heißt Erfahrung – dass dem unsere Aufmerksamkeit gebührt. Ist etwas zusammengebrochen, dann ist es menschenwürdig, dass man Res^pekt vor den involvierten Menschen zeigt, indem man das noch einmal erzählt. Das sind die Märchen von heute. Die Brüder Grimm würden heute nicht Großmütter nach Märchen befragen, sie würden die Geschichte des russischen Imperiums erzählen, durch die USA, Asien, Afrika reisen, also Märchen, die die Realität erzählt, sammeln. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4./5.10.2003)

Zur Person

Eine ausführliche Version bzw. Fortsetzung dieses Gespräch lesen Sie in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift "Volltext"

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    Alexander Kluge, Dichter, Filmemacher: Am 25. Oktober wird ihm in Darmstadt der Büchner-Preis verliehen.

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