European Homecare im Clinch mit dem Bürgermeister

3. Oktober 2003, 13:53
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Ein Diplom-Soldat managt das Flüchtlingslager Traiskirchen

Wien - Seit 1. Juli obliegt der Betrieb des Flüchtlingslagers Traiskirchen privater Hand. Die deutsche Firma European Homecare ist für das Funktionieren der Abläufe in der größten österreichischen Betreuungsstelle für Asylwerber zuständig. Chef des 38-köpfigen Teams ist ein Sachse: Dietmar Awißus, 47 Jahre, verheiratet und von seiner Ausbildung her "Diplom-Militärwissenschafter", wie er beim Geplauder mit Journalisten anlässlich eines Besuchs des Grünen Parlamentsklubs in Traiskirchen erzählt.

Studiert hat der Mann aus Aue in Moskau und das gleich vier Jahre. Dann ging es in den Militärdienst - 15 Jahre in der Nationalen Volksarmee der DDR - und dabei Stabchef über ein 1.200 Mann-Regiment, schmunzelt Awißus. Nach der Wende kehrte er dem Militär freiwillig den Rücken und wurde selbstständig. Seit 1997 ist er für European Homecare tätig, wo sich der humorige Sachse vor allem in der Verwaltung der deutschen Betreuungsstätten des Unternehmens umtat. Österreich ist sein erster Flüchtlingseinsatz im Ausland.

Umstrittene Rückkehrberatung

Unumstritten war die Berücksichtigung von European Homecare durch das Innenministerium ja beileibe nicht. Die vom deutschen Unternehmen betriebene Rückkehrberatung in Traiskirchen war ein kapitaler Flop und das Konsortium österreichischer Hilfsorganisationen wäre so manchem Beobachter als Betreiber des Flüchtlingslagers wesentlich lieber gewesen. Als dann zuletzt bei einer Massenschlägerei im Lager ein Tschetschene ums Leben kam, schwappte die Kritik fast über. Die Speerspitze bildete dabei der streitbare Traiskirchner Bürgermeister Fritz Knotzer (S), der dem deutschen Unternehmen vorwirft, statt ausgebildetem Personal nur Billigkräfte einzusetzen.

Stimmt alles nicht, meint Awißus sinngemäß. Zwar seien von den 14 Betreuern - der Rest des Personals ist in Verwaltung, Haustechnik und Küche tätig - nicht alle als Sozialarbeiter ausgebildet, in der Flüchtlingsbetreuung sei aber jeder von ihnen schon vorher tätig gewesen. Im Team finden sich auch ehemalige Bewohner des Lagers. Dass die Gebäude in Traiskirchen weiter ein Sanierungsfall sind, sieht der European Homecare-Mann nicht als seine Schuld an: "An die Örtlichkeit bin ich gebunden. Da kann ich nichts ändern", beklagt er sich, dass die Gemeinde Traiskirchen die Baubewilligung für einen neuen Trakt mit kleineren Zimmern und besseren Sanitäranlagen verweigert.

Dicke Luft zwischen European Homecare und Bürgermeister Knotzer

Dass das Verhältnis zwischen Bürgermeister und European Homecare alles andere als freundlich ist, zeigt sich schon, wie der Bus mit den Grün-Abgeordneten im Lager einfährt: "Wenn mich die Herren von European Homecare sehen, kriegen sie immer gleich ein langes Gesicht", tönt Knotzer über das Bord-Mikrofon. So wundert es wenig, wenn Awißus wenig später auf Journalistenfragen zum Einvernehmen mit dem Bürgermeister nur meint: Es sei "schlecht" - Wieso: "Weil er gegen das Lager ist".

Das wiederum ist auch nur die halbe Wahrheit. Denn auch der Bürgermeister weiß die Umwegrentabilität der Betreuungsstätte zu schätzen. Denn sonst würde er wohl nicht lautstark und immer wieder beklagen, dass European Homecare die Lieferverträge mit örtlichen Taxifahrern, Bäckern und Fleischhauern gekündigt hat. "Stimmt nicht ganz", sagt Awißus und pocht darauf, dass die Semmeln weiter im Ort gekauft werden. Nur das Fleisch kommt fertig gewürzt und nur noch zum Aufwärmen aus Deutschland - von der Firma "Appetito", sagen die Vertreter des Innenministeriums fast schon stolz. Angeblich essen sie es ebenso wie der Lager-Manager auch selbst.

Fakt ist: European Homecare versucht, Synergieeffekte zu erzielen. Ansonsten könnte man mit den 12,89 Euro pro Tag und Flüchtling gar nicht auskommen. Geschäft ist es derzeit ohnehin noch nicht, meint Awißus. Immerhin seien auch ständig Investitionen notwendig. Zuletzt hat man eine Sporthalle eröffnet und einen großen Geschirrspüler gekauft (bisher musste mit der Hand vorgewaschen werden). In nächster Zeit sollen ein Kinderwagen sowie Nähstube und Kiosk dazu kommen. Sprachkurse gibt es dagegen wohl auch in Zukunft keine. Wann sich das Betreiben des Lagers auch finanziell für das Unternehmen rentieren soll, sagte Awißus nicht. Er ist aber sicher - es wird.(APA)

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