Meldemannstraße: Legendäres Männerschlafheim schließt seine Pforten

3. Oktober 2003, 21:49
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Heute wohnt der Wilhelm im "Hitlerzimmer". Jedenfalls sagt der stadtbekannte Greis, der mit ordenbewehrter Poleizuniform, rot-weiß-roter Schärpe und Trillerpfeife früher den Naschmarkt unsicher gemacht hat, dass sein Zimmer jener Raum sei, in dem einst Adolf Hitler seine Wiener Jahre als Obdachloser verbrachte.

Wilhelm wohnt seit zwei Jahren hier - und wird bald ausziehen. So wie all die anderen Männer, die in der Meldemannstraße, wohnen. Oder übernachten. Denn das legendäre Männerschlafheim schließt seine Pforten.

Abschied vom Legendenhaus

Anlässlich des anstehenden Abschiedes präsentierten Mittwochabend die Fotografin Hertha Hurnaus, der Journalist Wolfgang Paterno, der Grafiker Bernhard Kerbl und der Sozialarbeiter Peter Pantucek einen Text-und Bildband, der sich der Legende, der Geschichte und den Geschichten, aber vor allem dem Haus und seinen Menschen annähert.

Im Gegensatz zu manch anderer Reportage über den Ort versucht "Haus Meldemannstraße" (Czernin Verlag) nicht heuchlerisch zu "menscheln" und die Meldemänner zu philosophierenden Helden oder geknickten Opfern des Alltags zu stilisieren.

Man zeigt gerade durch die neutrale und ernsthafte Distanz Menschen, die, so Peter Pantucek, manchmal wirklich nichts zu sagen haben - gerade damit aber "unseren Drang zum Selbstmitleid relativieren". (DER STANDARD Printausgabe 3.10.2003)

  • Buchpräsentation "Haus Meldemannstraße" mit Wolfgang Paterno, Hertha Hurnaus, Peter Pantucek, Bernhard Kerbl (von links)
    foto: thomas rottenberg

    Buchpräsentation "Haus Meldemannstraße" mit Wolfgang Paterno, Hertha Hurnaus, Peter Pantucek, Bernhard Kerbl (von links)

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