"Würden denn fünfzehn Frauen wirklich lügen?"

7. Oktober 2003, 18:55
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Kurz vor Wahlkampf-Ende meldeten sich weitere vier Opfer, die von Arnold Schwarzenegger angeblich sexuell belästigt worden sind

Los Angeles - Wenn man bedenkt, dass das Oben-ohne-Baden in Kalifornien bei Strafe verboten ist, sind die Vorwürfe gegen Arnold Schwarzenegger ziemlich saftig. Drei Tage vor der Recall-Wahl präsentierte die Los Angeles Times am Sonntag vier weitere Opfer, die angeblich vom Muskelprotz belästigt wurden.

Die inzwischen insgesamt 15 Frauen, die sich in den letzten Tagen geoutet haben, berichten von Vorkommnissen, die sich angeblich in den Jahren 1979 bis 2000 ereignet haben sollen, während der "Terminator" an seiner Karriere als Bodybuilder und Schauspieler bastelte. Einer Dame, die keinen BH trug, soll Arnold im Vorbeigehen ihr T-Shirt von unten hochgezogen haben, sodass ihre Brüste für Sekunden in einer Bar entblößt waren. So etwas wird in den Staaten wesentlich dramatischer gesehen als in Österreich.

In einem Interview mit ABC am Sonntag bezeichnete Schwarzenegger all diese Behauptungen als Wahlkampftricks und sagte, dass viele dieser Geschichten erfunden seien. Amerikas zurzeit meistdiskutierter Kandidat sieht auch keinen Sinn darin, all die Details seiner Vergangenheit durchzugehen. Eine der Verteidigungsstrategien des Actionstars besteht darin, dass er behauptet, dass keine der Frauen, die ihn heute beschuldigen, ihn je zuvor zur Rede gestellt hätte. "Ist es nicht eigenartig, dass drei oder vier Tage vor der Gouverneurswahl plötzlich all diese Frauen eine Entschuldigung von mir erwarten?"

Manchmal verrückt

Der "Terminator" meinte, er sei für seine Witze und manchmal verrückten Ideen und Aussagen in einer speziellen Atmosphäre schon bekannt. Er könne sich vorstellen, dass sich jemand, der aus dem Zusammenhang zitiert wird, schon mal beleidigt fühlt. Der demokratische Rechtsanwalt General Bill Lockyer schlug vor, Schwarzenegger solle sich einer staatlichen Überprüfung stellen, das sei eine Charaktersache. Daraufhin beschuldigte Schwarzeneggers Sprecher, Rob Stutzman, Lockyer, eine so genannte "Kotzpolitik" zu betreiben, an der sich zuvor schon der von der Abwahl bedrohte demokratische Gouverneur Gray Davis beteiligt habe.

Davis unterzeichnete indes am Sonntag ein neues Gesetz. Dieses wird 1,1 Millionen berufstätige Kalifornier, die bisher ohne Krankenversicherung beschäftigt waren, mit einer solchen Versicherung versorgen. "Heute machen wir einen großen Schritt in der Gesundheitsvorsorge", sagte Davis bei einer Zeremonie, bei der unter anderem Reverend Jesse Jackson und Schauspieler Danny Glover zugegen waren.

Davis betonte auch, er habe nichts mit den Anschuldigungen in der LA-Times zu tun, doch er sehe "ernsthafte Probleme": "Würden denn 15 Frauen wirklich lügen? Soll sich Kalifornien dieses Risiko aufbürden? Wollen sie einen Gouverneur abwählen, der kein Verbrechen begangen hat, der geistig fit für seinen Job ist und sehr positive Dinge in den letzten Jahren erreicht hat - für einen anderen Kandidaten, an dessen Ruf gezweifelt wird in einigen hochangesehenen Medien?"

Schwarzenegger besuchte indes am Ende seiner Bustour am Sonntag die Hauptstadt Sacramento. Jubelnde Frauen und Mädchen hielten Plakate mit der Aufschrift "Für Arnold" hoch. "Wir sind hier, um aufzuräumen. Wir sind hier, um die Bürokratie hinauszukehren", sagte Schwarzenegger vor 5000 Wählern. "Wir sind hier, um all die Spezialinteressen rauszukehren. Und wir sind hier, um Gray Davis loszuwerden, bringt mir den Besen!" Kalifornische WählerInnen werden kommenden Dienstag auf einer Wahlkarte zweimal abstimmen müssen: Der erste Frage richtet sich danach, ob Gray Davis abgesetzt werden soll, und erst wenn hier eine Mehrheit der Wähler mit Ja stimmt, wird die zwei Frage relevant: Welcher von 135 KandidatInnen zum nächsten Gouverneur Kaliforniens werden soll. Hier ist Schwarzenegger Favorit. (DER STANDARD, Printausgabe 07.10.2003)

Von Martina Zemlicka

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    Arnold Schwarzenegger bei seiner Entschuldigungsrede in San Diego.
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