Versüßte Todessehnsucht

15. Jänner 2004, 09:00
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Lärmende Reise durch das Leben einer "todessüchtigen" Kaiserin: Das Musical "Elisabeth" ist wieder in Wien

"Elisabeth", das Musical von Michael Kunze und Sylvester Levay, kehrt nach elf Jahren ins Theater an der Wien zurück. Als lärmende Reise durch das Leben einer "todessüchtigen" Kaiserin.


Wien - Es hätte noch schlimmer kommen können. Beflügelt durch den Publikumserfolg hätte das Autorenduo Kunze/Levay ja aus den Seitenfiguren von Elisabeth noch einige Werke entwickeln können. "Es war einmal in Mayerling" über Rudolf, den Selbstmörder vielleicht. Und dann womöglich, als Vollendung der Monarchical-Trilogie, "Dem nichts erspart blieb oder Die Melancholie des Doppeladlers" als Musicalstudie über den armen Kaiser.

Allein, es beschenkten uns Kunze/Levay mit Mozart, und Elisabeth ging nach 1279 Vorstellungen auf Reisen, nach Japan, Deutschland, Schweden, Ungarn wie in die Niederlande, und wurde mit vier Millionen Besuchern zum erfolgreichsten deutschsprachigen Musical aller Zeiten. Zahlen können natürlich nicht irren; da war die Wiedereinführung der Musicalmonarchie in Wien nur eine Frage der Zeit.

Die neuerliche Begegnung nach elf Jahren ist nicht frei von Déj`a-vus. Der Tod (passabel Máté Kamarás) sieht aus wie Uwe Kröger (der Tod der Uraufführung), agiert vielleicht etwas eckiger als einst Kröger; die Bühne rotiert und schwebt wie einst virtuos. Und nach wie vor - und trotz der Professionalität der Darsteller - wirkt die Sache nach der Pause ermüdend: durch zu viele Szenen, zu denen noch beschwerend ein bisschen was dazugekommen ist.

Am härtesten trifft allerdings weiterhin der Versuch, "vertiefende" Charakterstudien zu betreiben und Ansätze davon in den Songs durch einen Pas de deux zwischen textlicher und musikalischer Trivialität immer wieder zu zerstören. Das klingt dann, als hätte man Ausschnitte aus Neue Post-Interviews vertont; genau dort, wo man Höhepunkte setzen will, versenkt man das Werk in Untiefen des Banalen.

Insofern ist Elisabeth, diese kaiserliche Liebesgeschichte mit dem Tod, inszeniert von Harry Kupfer, tatsächlich eine Art Genrebegründer. Es unterschreitet und überschreitet gleichzeitig jene Süßlichkeitsmaßstäbe, die sich das Musical als solches selbst verordnet hat.

Da wähnt man sich halt dann beim Songcontest oder in einer zweitklassigen Disco der 70er-Jahre oder in einem Komponierseminar von Kurt Weill. Und das Orchester unter Caspar Richter spielt so lärmend auf, als wollte es weitere Argumente dafür liefern, warum man in diesem Haus nur noch Symphonieorchester und Oper spielen lassen sollte. Was dennoch nicht untergeht: Maya Hakvoort ist (als Elisabeth) von bemerkenswerter Intensität, Serkan Kaya (als Luigi Lucheni) auch.

Nach den Standing Ovations und dem Jubelorkan zu urteilen, dürften einige bei der Bundespräsidentenwahl Sisi ihre Stimme geben.
(DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2003)

Von Ljubisa Tosic
  • Du glückliches Österreich, tanze: Maya Hakvoort (als Elisabeth) und André Bauer (als Kaiser Franz Joseph) in der Wiederaufnahme von "Elisabeth"!
    foto: vereinigte bühne wien

    Du glückliches Österreich, tanze: Maya Hakvoort (als Elisabeth) und André Bauer (als Kaiser Franz Joseph) in der Wiederaufnahme von "Elisabeth"!

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