Bewahrenswert ist nicht nur das Gelungene

17. Oktober 2003, 19:44
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Wie "misslungenes" Material aussagekräftig sein kann, belegt Peter Kubelkas "Dichtung und Wahrheit"

Wien - Eine gute Eröffnung hat nicht selten eine spektakuläre Premiere. Und was wäre im Fall des "neuen" Filmmuseums spektakulärer als die Ankündigung der Welturaufführung eines Films von Peter Kubelka. Dieser, unbestritten ein Meister des Avantgardefilms, hatte ein denkbar schmales Gesamtwerk (darunter Schwechater und Arnulf Rainer) seit Jahrzehnten sehr bewusst nicht mehr erweitert und stattdessen als Entspezialisierungs-Experte Kino, Philosophie, Kochen, Musik in hinreißenden Vorträgen zusammengedacht. Aber ein "neuer Film"?

1996 wird als Entstehungsjahr von Dichtung und Wahrheit genannt - jener Montage von Fundstücken aus Dreharbeiten zu industriellen Werbefilmen, die am Freitag im Rahmen des Tages der offenen Tür im Filmmuseum präsentiert wird. Eigentlich hat Kubelka den Film für eine Tagung der internationalen Kinematheken und Filmarchive zusammengestellt. Es ging um nicht mehr und nicht weniger als die Veranschaulichung einer radikalen These: Wenn in näherer oder fernerer Zukunft Filme über die Menschen und die Gesellschaft ihrer Zeit befragt werden, dann sei hier oft vor allem "misslungenes" Material aussagekräftig und daher auch heute schon von den Archiven zu berücksichtigen.

Man sieht in Dichtung und Wahrheit also einen Mann, der sich in einer Werbung für Haarwuchsmittel durchs Haar fährt, oder Frauen, die für hingestreckte Schokolade bereitwillig die Mäulchen öffnen - immer wieder, bis es eben heißt: Diese Einstellung passt. Kubelka blendet den Originalton völlig aus, und stumm wird noch deutlicher: Gerade hier erfahren wir mehr "Wahrheit" über die Akteure, die fertige "Dichtung" ist gekünstelt, unecht, anthropologisch uninteressant. Es passt zum immensen Witz des Films, dass dies irgendwann einmal sogar auf einen wiederholt ausgeleuchteten Eimer zutrifft.

Ein "neuer" Kubelka? Bei aller Freude zögert man, Dichtung und Wahrheit voreilig in die eigentliche Werkliste aufzunehmen. Viel eher ist der Film eine beiläufige Illustration der heiteren Philosophie des Meisters (dem es im Übrigen schon gelungen ist, die Explosion von Feuerwerkskörpern "filmisch" zu deuten).

Sicher, diese 13 Minuten verfügen (zufällig oder bewusst, aber weit gehend ohne gestalterischen Eingriff) sogar über einen schönen Erzählbogen - über männliche und weibliche Klischeebilder hinein in die totale Werbefamilie. Aber insgesamt ist Dichtung und Wahrheit doch eher ein Bonustrack für eine DVD. Eine Chance, Facetten eines vitalen Denkens wahrzunehmen, dem Leben und Arbeit immer wieder in eins fallen. (cp/ DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2003)

  • Ausschnitt aus einem Ausschnitt aus "Dichtung und Wahrheit"
    foto: filmmuseum

    Ausschnitt aus einem Ausschnitt aus "Dichtung und Wahrheit"

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