Die Rückkehr der Nebel-Ritter

9. Oktober 2003, 17:54
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Zur Bedeutung des Bodybuildings für die Ausformung der austro-amerikanischen Beziehungen: frühherbstliche Assoziationen zu Arnold Schwarzenegger - Kommenar der anderen von Franzobel

Wenn man Nebel umdreht, hat man Leben. Nebel ist das Blut der Luft, der Saft des Unfesten. Nebel hat sich noch nicht festgelegt, das Element der Unentschiedenen, Maskottchen der Häuslbauer, die vor lauter Ehrfurcht alles zunebeln. Damit der äußere Zustand ihrem Inneren gleicht, unternebeln die Österreicher den natürlichen Voralpennebel mit Hausbrand und Sauerkrautgekoche. Nebel, von dem man in Österreich noch gar nicht weiß, wie man ihn ausspricht, ob man nun korrekterweise Nöwe, Nebe, Nebö oder Näuwäu sagt, hat die Bildung von Eigenbrötlern gefördert, Briefbombenattentäter, Weltmaschinenbauer, Haiderwähler, Nebelfänger.

Lange Zeit war Nebel sehr beliebt, wurde auf Bühnen und Discos alles zugenebelt, hat man Fabriken zur Vernebelung gebaut, lag auch in der Natur selbst so viel Nebel, dass man mit Nebelkuren Tourismuswerbung hätte machen können. Mittlerweile aber, wahrscheinlich wegen den vielen Telefonnetzen, ist der Nebel, von dem man freilich immer noch nicht weiß, wie man ihn ausspricht, fast verschwunden.

Michelin ...

Jawohl, es gibt in Österreich keinen Nebel mehr, nicht einmal im Herbst. Eine Ernüchterung ist eingekehrt, eine unbekannte Klarheit. Und nun wird offenbar, was da alles auf der Nebelsuppe dahergeschwommen ist, was die Menschen im Schutze des Nebels alles angerichtet haben, die Verhüttelung und Verparkplatzisierung der Landschaft, die Zurüstung mit Einkaufszentren und die Übertragung der Alpen auf den menschlichen Körper, die Vermuskelbergerung.

Der Österreicher ist von Haus aus ein einsilbiger, verschlossener und doch sensibler Mensch, der, um seiner schroffen Umwelt widerstehen zu können, Schutz sucht und Geborgenheit. Vielleicht betreiben deshalb alle Bodybuilding, sehen plötzlich nicht nur die Skifahrer aus, als hätten sie Backpulver geschluckt, sondern auch immer mehr Normalbürger. Sind Bodybuilder schön? Versprechen sie sich auf dem freien Liebesmarkt eine bessere Quote? Solange der Spruch gilt, dass 40 Prozent der Österreicher mit der Pille, der Rest aber mit dem Aussehen verhütet, vermutlich schon.

Mich freilich erinnern Bodybuilder an Leute, die in ihrer Freizeit Puzzles bauen, nur dass die Kraftsportler das Ergebnis ihrer Anstrengung nicht auf Sperrholz kleben, rahmen und an die Wand hängen, sondern mit sich herumtragen. Wie Sammler sind sie, die sich Muskeln züchten, von denen Normalsterbliche nicht einmal ahnen, dass es sie gibt.

Denkt man an die unangestrengte Eleganz der Antike, dann sind diese ums Skelett gewickelten aufgeblasenen Radschläuche eher keine Augenweide. Indes leben wir in einer Zeit voller Comic-Figuren, designter Lebensmittel, kurviger Haushaltsgeräte und bauchiger Autos, sodass es nur noch eine Frage der Zeit sein kann, bis auch der Präsident der Welt einen Conan-Körper braucht. Dass also der muskulös überkandidelte Arnold Schwarzenegger für das Amt des Gavernas von Kalifornien kandidiert, wird nur der Anfang dieser Verhüttelung und Zurüstung des Körpers sein.

Daran werden auch die jetzt aus dem Nebel auftauchenden sexistischen und rassistischen Äußerungen nicht mehr ändern als die faulen Eier, mit denen man den kandierten Terminator jetzt bewirft.

... vs. Michelangelo

Nicht einmal die kalifornischen Wahlmaschinen, die aus allen Löchern dampfen, werden verhindern, dass wir bald schon alle wie die Michelangelo-Menschen der Sixtinischen Kapelle aussehen und nicht mehr wie aufgequollene Michelin-Männchen, weil wir sonst auch gar nicht mehr in die durchdesignte Welt passen.

Da kann man eigentlich nur auf die Rückkehr des Nebels hoffen, von dem wir immer noch nicht wissen, wie man ihn ausspricht und ob er den Herbst nicht doch zu einer jähen Rückkehr nützt. Dann wäre immerhin auch möglich, dass in einem zum Gaverna gewählten Schwarzenegger seine Heimat wieder hochkommt, er Kalifornien als zehntes österreichisches Bundesland installiert. Dann müssten die Beach Boys im Musikantenstadel auftreten, Fußballer könnten Hollywood spielen und das Franz-Josefs-Land hätte ein erfreuliches Pendant im 21. Jahrhundert. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2003)

Franzobel, geboren 1967, lebt als freier Schriftsteller in Wien und Buenos Aires.
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