Die letzten Tage des Papstes

9. Oktober 2003, 17:54
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Karol Wojtyla wäre der bedeutendste Papst des 20. Jahrhunderts, hätte es nicht Johannes XXIII. gegeben - Kolumne von Hans Rauscher

Christoph Kardinal Schönborn hat in einer erstaunlichen Offenheit erklärt, dass der Papst sich "den letzten Tagen und Monaten seines Lebens nähert". Johannes Paul II. ist offensichtlich sterbenskrank. Diese Bestätigung aus dem Mund eines Kardinals und Erzbischofs von Wien, der immer wieder auch als möglicher nächster Papst genannt wird, ist ungewöhnlich, aber ehrlich.

Karol Wojtyla wäre der bedeutendste Papst des 20. Jahrhunderts, hätte es nicht Johannes XXIII. gegeben, der mit dem II. Vatikanischen Konzil die katholische Kirche überhaupt erst an die Modernität annäherte. Pius XII. ist bedeutend nur in dem Sinn, dass es ihm nicht gelang, eine Antwort auf das zentrale Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts, den nationalsozialistischen Judenmord, zu finden, die im Einklang mit dem moralischen Anspruch des Christentums gestanden wäre.

Das Versagen dieses Papstes erklärt sich auch aus seiner - im Prinzip berechtigten - Angst vor dem Sowjetkommunismus. Johannes Paul II. aber war jener Mann, der Entscheidendes zum Sturz dieses Sowjetkommunismus in Osteuropa beigetragen hat. Das allein macht den polnischen Papst zu einer der Schlüsselfiguren des 20. Jahrhunderts. Es ist ein weiterer Beweis, dass der Geist stärker ist als die Gewalt (allerdings erst dann, wenn die Gewalt selbst schon an sich zweifelt).

Was Johannes Paul II. für seine Kirche getan hat, ob er ihr letztlich durch seine Festigkeit und oftmals erzkonservative Beharrung mehr Überlebenschancen bescherte oder das Gegenteil, ist schwer zu klären. Tatsache ist, dass die "Progressiven" in dieser Kirche seit Jahren der Meinung sind, Bewegung könne es erst wieder "nach diesem Pontifikat" geben. Fraglich ist allerdings, ob eine Entwicklung zum "Progressiven" hin dann auch tatsächlich die Position der Kirche festigen würde.

Was Wojtyla mit all seinen Reisen, seinen beeindruckenden Stellungnahmen - z.B. gegen den Raubtierkapitalismus - und seiner Kirchenpolitik insgesamt aber nicht lösen hat können bzw. eine Lösung eher noch aktiv behinderte, ist das ungeklärte Verhältnis der katholischen Kirche zu den Frauen. Der Zölibat und die Fragen der Sexualität sind dabei nicht einmal das wichtigste Problem. Es geht einfach darum, dass die Frauen in der Kirche Wesen zweiter Ordnung sind. Was der Kirche fehlt, ist die Anerkennung der Frauen in der Rolle, die sie sich heute zumindest in der westlichen Welt erkämpft haben: als gleichberechtigte Partnerin in allen Bereichen des Lebens. Das ist im kollektiven Bewusstsein der Eminenzen und Exzellenzen und Monsignores und Patres und Fratres nicht wirklich verankert oder wurde gar nicht hineingelassen. Ehe aber diese Geisteshaltung nicht grundlegend verändert ist, wird die Kirche zwar als durchaus einflussreiche und sicher selbstgewissere Körperschaft weiterexistieren, aber eben im wachsenden Widerspruch zur gesellschaftlichen Realität.

Der jüngste Erlass des Vatikans betraf das Verbot von weiblichen Ministrantinnen. Die Motivation war zweifellos nicht der Schutz von Mädchen vor sexuellen Übergriffen durch Priester, wie sie häufig genug vorkommen (häufiger allerdings bei Buben), sondern der Wunsch, die priesterliche Sphäre von Weiblichkeit, sei es auch eine kindliche, reinzuhalten.

Mit Verengungen wie dieser führt die Kirche ein Rückzugsgefecht, das nicht zu gewinnen ist. Johannes Paul II. wollte das ausdrücklich so. Auch das gibt seinem Pontifikat eine gewaltige Bedeutung. hans.rauscher@derStandard.at (DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2003)

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