Kims Dialektik

9. Oktober 2003, 17:54
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"Wenn du Verhandlungen willst, drohe mit Bomben" - von Markus Bernath

"Wenn du den Frieden willst, so rüste zum Krieg", lautet bekanntlich eine der Weisheiten antiker Staatskunst. Auf die neurömischen Verhältnisse in der Staatenwelt unserer Tage übertragen, heißt sie in etwa: "Wenn du Verhandlungen willst, drohe mit Bomben." Nordkorea, ein besonders krudes Exemplar totalitärer Führungskraft, will nichts lieber als Verhandlungen mit den USA, um Geld und Sicherheit für sein Regime zu erreichen, und kleidet die Einladung in unverhüllte Drohungen. Man wird es das dialektische Denken des "Lieben Führers" Kim Jong-il nennen dürfen - oder einen mittlerweile ermüdenden Versuch der Erpressung.

Zum dritten Mal in diesem Jahr hat Pjöngjang offiziell versichert, dass es die 8000 Brennstäbe aus seinem Forschungsreaktor Yongbyon wieder aufbereitet habe. Damit die Botschaft auch wirklich ankommt, ließ das Regime erstmals verbreiten, dass es das neu gewonnene Plutonium tatsächlich zum Bau von Atombomben nutze. Recht viel Raum für weitere verbale Drohungen bleibt Nordkoreas Führung nun nicht mehr. Das ist das Gefährliche an diesem Spiel, das eine zu sagen, aber das Gegenteil zu meinen. Ein nordkoreanischer Atomtest zu Showzwecken wäre der nächste Schritt.

Positive, verhandlungsfördernde Initiativen zur Beilegung der seit nun einem Jahr währenden Atomkrise sind von Pjöngjang deshalb nicht zu erwarten. Ein solcher Impuls muss wohl von Washington kommen. Die rivalisierenden Flügel der US-Regierung mögen sich intern auf einen Vorschlag für eine Sicherheitsgarantie für das Regime in Pjöngjang zubewegen, die beste Stütze der in der Nordkoreafrage lange entschlusslosen Bush-Regierung bleiben aber ihre Mitstreiter am Verhandlungstisch - China, Japan, Südkorea und Russland. Pjöngjangs Drohungen sind das beste Zeichen, dass tatsächlich eine neue Runde dieser Sechs-Parteien-Gespräche ansteht. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2003)

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