Protest gegen Nazi-U-Boot-Stück

7. Oktober 2003, 00:18
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Hans Rehbergs "Die Wölfe" im Theater Erlangen vor Absetzung

Erlangen - Die geplante Aufführung eines Stücks des NS-Dramatikers Hans Rehberg am Theater Erlangen wird nach Protesten möglicherweise gekippt. Oberbürgermeister Siegfried Balleis (CSU) sagte am Donnerstag, er schließe eine Absetzung der für 23. Oktober geplanten Premiere von "Die Wölfe" nicht aus. Es gelte, Schaden von der Stadt abzuwenden.

"... auf dem Rücken der Opfer"

Der Publizist Ralph Giordano hatte die geplante Inszenierung des 1944 uraufgeführten Dramas als einen "Akt der Versöhnung mit den Tätern auf dem Rücken der Opfer" kritisiert und Intendantin Sabine Dhein aufgefordert, das Stück vom Spielplan zu nehmen. Dhein lehnte dies zunächst ab.

Giordano, der den Holocaust überlebt hat, sprach von einer "unverzeihlichen Wiederaufführung", durch die er sich persönlich tief verletzt fühle. Rehberg sei ein "Hitler-Verherrlicher" gewesen. "Ich erspare mir, Ihnen Details der Rehbergschen Vita vom Eintritt in die NSDAP 1930 bis zu seiner Hymne zu 'Führers' 50. Geburtstag zu rekapitulieren", schrieb Giordano in einem offenen Brief an die Intendantin, den die "Erlanger Nachrichten" veröffentlichten.

Balleis sagte, Giordanos Äußerungen hätten ihn tief betroffen gemacht. Die Stadt Erlangen arbeite seit vielen Jahren an der Aufarbeitung der NS-Zeit. Die Intendantin habe die volle künstlerische Verantwortung für den Spielplan, sagte Balleis. "Der Oberbürgermeister ist nicht der Oberzensor im Kulturbetrieb." Dennoch wolle er nun umgehend mit den Fraktionsvorsitzenden sprechen.

Texte mit Ambivalenzen

Intendantin Dhein äußerte "Respekt und Verständnis" für Giordano, wies seine Forderung nach Absetzung des Stücks aber zurück. "Die Wölfe" sei für das Theater deshalb so interessant, "weil der Autor eben nicht ein reiner Parteischerge und Propagandaschreiber ist, sondern ein Dichter, dessen Texte Ambivalenzen aufweisen". Das Stück lasse die Verkümmerung des Denkens unter der Diktatur aufscheinen.

Hans Rehberg (1901-1963) hatte das U-Boot-Drama 1943 geschrieben. Ein Jahr später war es unter der Regie von Bernhard Minetti in Breslau uraufgeführt worden. Seitdem wurde das Stück nach Angaben des Erlanger Theaters nicht mehr gespielt. Das Drama, das in Erlangen von Marc Pommerening inszeniert wird, beleuchtet den Krieg aus der Sicht dreier junger U-Boot-Fahrer und ihrer Frauen. (APA/dpa)

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