"Es wird irrsinniger Druck aufgebaut"

6. Oktober 2003, 16:56
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Bei den Eisenbahnern grassiert die Jobangst - Lokalaugenschein am Wiener Westbahnhof

Wien - Die ÖBB-Reform ist nicht nur politisch ein heißes Eisen. Die Gemüter von Eisenbahnern und Fahrgästen sind erregt. Während den ÖBBlern Eingriffe in ihr Dienstrecht drohen, sind Bahnreisende von den ab Montag angekündigten Anti-Reform-Protesten ("Dienst nach Vorschrift") betroffen. Zwar läuft der Verkehr am Wiener Westbahnhof am heutigen Donnerstag in gewohnten Bahnen. Die alltäglichen Gesprächsthemen sind aber schon aufs Abstellgleis verbannt.

Der karge Aufenthaltsraum im 1. Stock des Westbahnhofes ist die Domäne der Bundesbahner. Hier kommen nicht nur Kaffee und Semmeln auf den Tisch, sondern auch die persönlichen Belange. Und die anstehende ÖBB-Reform betrifft jeden von ihnen. "Ich glaube zwar nicht, dass mein Posten abgebaut wird, aber es wird ein irrsinniger Druck aufbaut," beschwert sich eine 36 Jahre alte Fahrdienstleiterin. Sie werde künftig wohl lieber krank zu Arbeit gehen, als sich daheim auszukurieren.

In Verträge eingreifen

Die größere Unsicherheit macht auch ihrem 26-jährigen Kollegen zu schaffen: "Mich stört, dass sie in unsere Verträge eingreifen wollen." Denn die bestehenden ÖBB-Regeln etwa zur Pensionierung oder zum Kündigungsschutz seien auch Gründe dafür, warum er vor zehn Jahren zur Eisenbahn gegangen ist. Gegen die Einschnitte wehren will sich auch ein 49 Jahre alte Zugbegleiter, der seit 24 Jahren bei der ÖBB arbeitet. Wenn es dazu kommen sollte, hält er Streiks für angebracht: "Dann müssen wir wirklich ein paar Tage stehen, und zwar komplett." Ganz so weit will einer seiner Kollegen nicht gehen: Er wünscht sich nur mehr Rückendeckung von der Regierung.

Diese erhalten die Eisenbahner "moralisch" durchaus auch von einigen Fahrgästen: "Die ÖBB ist Staatseigentum, eine Zerschlagung kommt daher gar nicht in Frage", wettert ein St. Pöltener, der sich selbst als überzeugten Bahnfahrer beschreibt. Ab Montag wird sich dann zeigen, wie groß die Unterstützung der Österreicher tatsächlich ist. Dann beginnt der so genannte "Überstundenboykott" der Eisenbahner, die damit gegen die ÖBB-Reform protestieren wollen. (APA)

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