Missbräuchlicher Einsatz von Au-Pair-Mädchen als Pflegerinnen

8. Oktober 2003, 09:58
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Hunderte junge Frauen hätten für ein "Taschengeld" die Pflege Älterer übernommen

Wien - Rund einen Monat nach Bekanntwerden der Pflegemissstände im Geriatriezentrum Am Wienerwald zogen die VP-Sozialsprecherin Ingrid Korosec und Wiens AK-Vizepräsident Alfred Gajdosik eine Art Zwischenbilanz.

Bei ihr hätten sich "hunderte" Personen gemeldet, berichtete Korosec am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. Etwa "zwei Drittel" würden die Missstände "bestätigen". Gajdosik beklagte die Personalüberlastung, niedrige Löhne und den Einsatz von Au-Pair-Mädchen im Pflegebereich. Passiert sei bisher wenig.

Einsatz von Au-Pair-Mädchen als Pflegerinnen

Er schätze, dass rund 500 bis 1.000 Au-Pair-Mädchen - die eigentlich für die Kinderbetreuung geholt werden - teils "missbräuchlich" als Pflegepersonal im privaten Bereich eingesetzt würden, sagte Gajdosik. "Das muss sofort abgestellt werden." Diese müssten oft für ein "Taschengeld" die Pflege Älterer übernehmen, ohne über die entsprechende Ausbildung zu verfügen. Er zeigte sich generell skeptisch, den Personalmangel mit ausländischen Arbeitskräften aufzufüllen. Das Ausbildungssystem müsse in Österreich verändert werden, forderte er.

Skandalgehälter für Pflegepersonal

Die Gehälter sind für Gajdosik - er sprach von durchschnittlich 1.100 bis 1.350 Euro brutto - ein "Skandal". Sie müssten innerhalb kürzester Zeit um 20 Prozent angehoben werden. Nötig sei auch, dass es endlich zu einem Kollektivvertrag für den Pflegebereich komme. Hier gebe es seit fünf Jahren Verhandlungen - ohne Ergebnis.

Obergrenze von vier Patienten pro Tag

Die "eklatante Arbeitsüberlastung" der HeimpflegerInnen will Gajdosik durch eine Obergrenze von vier Patienten pro Tag bekämpfen. Die derzeitige Situation sei "fürchterlich", bestätigte die Betriebsrätin des Wiener Hilfswerks, Marianne Grassinger. Oft müsse man Patienten im "halbstunden Takt" betreuen, was auf Kosten der Qualität gehe.

"Das System ist falsch." Das sei der Grundtenor der "hunderten" Anrufe, die sie in den letzten Wochen von Angehörigen, Patienten und Pflegern bekommen habe, sagte Korosec. Sie forderte einmal mehr eine Reform der Pflegeausbildung von Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann (S) ein. Wenn diese nun bis 2006 im Amt bleibe (wie in Medien kolportiert), sei das eine "gefährliche Drohung". Job-Rotation, kleinere Pflegeeinheiten, der Ausbau der häuslichen Pflege und eine PR-Offensive stehen ebenfalls auf der Forderungsliste der Gemeinderätin.

Es gebe in Wahrheit keine Pflegenotstand, sondern einen "Pflegepersonalnotstand gekoppelt mit einem Finanznotstand", meinte Ingrid Kreuzer vom NÖ-Hilfswerk. Das mache sich auch in ihrem Bundesland bemerkbar. (APA)

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    Hunderten Au-Pair Mädchen wurde Pflegearbeit aufgebürdet

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