Kein Gottesdienst für sieben Bürger

1. Juli 2005, 13:38
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Aufbruchstimmung in den Karpaten: Der Luftkurort Sinaia beschwört seinen Fin de Siècle-Charme, in den Siebenbürger Unistädten flaniert selbstbewusst die Jugend

Sehr resolut sieht er aus, der Herr mit dem akkuraten Schnurrbärtchen, der neben einem Edelweiß die 500.000-Lei-Banknote ziert. An einem schönen Septembertag im Jahre 1912 war der gute Mann bei dem Versuch, die Karpaten zu überfliegen, das letzte Mal abgestürzt. „Er hatte Pech und ist gestorben“, bemerkt dazu der Tourist-Guide. Noch heute erinnert im Prashova-Tal unweit von Bukarest ein adlergeschmückter Obelisk an Aurel Vlaicu, den genuin rumänischen Helden.

Denn auch das Scheitern gebiert hier den Nachruhm, und nach jeder Niederlage wird erst recht weitergemacht, improvisiert und verhandelt. Das macht Mut auch für Sinaia. Der auf über 1400 Metern wunderschön gelegene Kurort, einst Sommerresidenz der rumänischen Königsfamilie, liegt heute ein bisschen sehr verschlafen auf dem Kissen seiner Nadelwälder. Wo einst der Orient Express, aus London kommend, seine Fahrt für eine ganze Woche unterbrach, weil die Damen und Herren der Gesellschaft mit dem rumänischen Zweig der Hohenzollern ein Casino zu teilen beliebten, kann man sich heute wohlfeil in eine der verfallenden Jugendstilvillen einmieten – oder dem postkommunistischen Charme eines der aufpolierten Skihotels erliegen.

Vom einstigen Glanz zeugen jedenfalls schon jetzt die Schlösser Pelisor und Peles – Letzteres immerhin seit 1883 mit einer Zentralheizung ausgestattet. Davon profitierten wohl auch Gustav und Ernst Klimt, die hier logierten, um die diversen Salons des Prunkbaus mit Fresken zu verzieren. Und der Rest des Luftkurortes wird auch demnächst saniert, ganz bestimmt, die Delegation von Doppelmayr war ja schließlich schon da.

Aufbruchsstimmung herrscht auch 170 Kilometer weiter in Sibiu. Im 12. Jahrhundert von deutschsprachigen Einwanderern gegründet, war „Hermannstadt“ neben Brasov/Kronstadt über Jahrhunderte eines der politischen und kulturellen Zentren der „Siebenbürger Sachsen“ – jenen von den Habsburgern am Fuße der Karpaten eingebürgerten Siedlern aus der Rhein-Moselgegend. Gesächselt wird hier also nicht, auch wenn die Wiederaufbaugelder großteils aus Deutschland kommen und der Bürgermeister neuerdings wieder einer aus der deutschsprachigen Minderheit ist. Nur noch rund drei Prozent der Einwohner der lebendigen Uni-Stadt sind Siebenbürger Sachsen, nach der Revolution von 1989 verließen drei Viertel der verbliebenen Deutschsprachigen Rumänien.a

Stärker noch als in Sibiu macht sich auf dem Land die Abwanderung bemerkbar. Viele Dörfer stehen leer, auch die wohl einzigartigen Wehrkirchen, zu trutzigen Festungen ausgebaute Gotteshäuschen, verfallen. „Nein“, sie sei keine Siebenbürger Sächsin, erklärt die junge Frau, die mit einem Säugling auf dem Arm den Schlüssel zur Kirche aushändigt. Sie bewacht das kleine Fort, weil sie die Ruine dafür gratis bewohnen darf. Für die paar Alten, die geblieben sind, werde hier schon lang kein Gottesdienst mehr abgehalten, erzählt sie. Andernorts wurden sogar schon die Altäre abtransportiert.

Diese stehen jetzt aus Furcht vor Kunstdiebstählen in der Bergkirche von Sighisoara/Schäßburg versammelt. Hier zählt die verbliebene Gemeinde der Siebenbürger Sachsen noch gut 500 Mitglieder, erklärt der Küster Hans Martin Geisswinkler. Er ist nun stolzer Bewacher von gleich vier Altären. (Der Standard/rondo/3/19/2003)

Von Tanja Paar

Info

Rumänisches Tourismusamt, Währinger-
straße 6-8, 1090 Wien, Tel.: 01/317 31 57;
Austrian fliegt täglich von Wien nach Bukarest.

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    Das Schloss Peles

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