Der Bauch boomt

3. Oktober 2003, 12:22
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Schwangere Bäuche sind geradezu Insignien unserer Zeit - Oder sind sie Ausdruck unseres schlechten Gewissens?

Ralya und Magnus tun es. Genauso wie Brigitte und Alex. Öffentlich. Im Fernsehen, ohne Scheu oder Bedenken. In einer Dokusoap, in der das Intimste zum Allgemeinen und das Private nach außen gestülpt wird. Genauso wie die dicken Bäuche, um die es donnerstags um 20.15 Uhr auf Sat 1 geht. "Wir machen ein Baby" heißt es da - auch wenn die Babys bereits gezeugt wurden. Ohne Kameras, versteht sich.

"Gemacht" wird hier etwas anderes: Gemeinsam mit den Zuschauern geht's zur Ultraschalluntersuchung und zum Frauenarzt. Man belabert Essens- und Gewichtsprobleme. Man sorgt sich um seine Beine und den Po. Und immer stehen - genauso wie vorher bei "Schnulleralarm" auf RTL 2 und bei "Hallo, Baby!" auf Vox - Bäuche im Vordergrund. Die dicken Kugelbäuche, die derzeit gar nicht mehr aus der Öffentlichkeit fortzudenken sind.

Kinderkriegen ist in

Kinderkriegen ist in. Möchte man zumindest meinen, blättert man durch einschlägige Hochglanzmagazine oder zappt durch Society-Fernsehformate. Dass Verona Feldbusch schwanger ist, wer hat das - bitte sehr - noch nicht mitgekriegt? Jetzt warten wir nur noch auf das (angekündigte) Schwangerschaftstagebuch. Dass Madonna schwanger war und Cindy Crawford und Spice-Girl Victoria und No-Angel-Jessy: Auch das wissen wir - und haben all die Bilder der stattlichen Society-Damen im Kopf.

Die Damen mit Bauch, sie sind fast schon so etwas wie Insignien unserer Zeit oder: die Dokumentation eines schlechten Gewissens. Während die Geburtenraten weiterhin rückläufig sind, werden die Vorzeige-Schwangeren in die erste Reihe gestellt, als wollte man mit aller Kraft von den grundlegenden Problemen einer schrumpfenden Gesellschaft ablenken: Seht her, es wird vielleicht noch was!

Bauch-Skandale

Dicke Bäuche als neueste Facette einer allgemeinen Inszenierungswut, dicke Bäuche "als Pop-Phänomen": Der Trend, den die Berliner Zeitung erst unlängst diagnostizierte, steht am Ende eines langen Wegs, der beinahe schon wieder vergessen scheint. Ihren Bauch mussten Frauen erst erobern. Und das dauerte länger, als man heute meinen mag. Erst gute zehn Jahre ist es her, dass die nackte Demi Moore am Cover von Vanity Fair einen veritablen Skandal auslöste. Eine Schwangere am Titelblatt, und dazu noch nackt, das galt nicht nur im prüden Amerika als ein Verstoß gegen die Konvention, die Schwangerschaften am liebsten in die Unsichtbarkeit abschob. Dorthin, wo die Frauen mit Bauch über Jahrhunderte, ja Jahrtausende auch wirklich am besten ihre neun Monate verbringen sollten.

Wie sonst ist es etwa zu erklären, dass es in der Kunstgeschichte bis herauf ins 20. Jahrhundert kaum Darstellungen von Schwangeren gibt? Sieht man von den vielen Maria-Gravida-Darstellungen, der schwangeren Mutter Gottes, einmal ab (die bekannteste ist wohl Piero della Francescas "Madonna del Parto"), dann bleiben kaum Beispiele übrig. Eine Schwangere galt als ein Wesen im Ausnahmezustand, als ein Symbol der Fruchtbarkeit wie der Unreinheit gleichermaßen. (Die katholische Kirche kennt noch immer einen nach der Geburt gesprochenen Segen, der die gewordene Mutter "reinigen" soll.)

Einen formschönen Körper stellte man sich anders vor, auch wenn man Schwangeren über Jahrhunderte zugestand, besonders "schön" zu sein. Der russische Literaturtheoretiker Michail Bachtin schlug den Körper der Schwangeren in seiner Studie über Rabelais gar dem "grotesken Körper" zu: Im neuen Körperkanon "wird die ewige Unfertigkeit des Körpers quasi verheimlicht, Empfängnis, Schwangerschaft, Geburt und Tod kommen in der Regel nicht vor." 1903 stellte Gustav Klimt auf dem Bild "Die Hoffnung I" eine schwangere Frau ganz offensiv in die Nähe von Krankheit und Tod.

Restspuren dieser ehemaligen Tabuisierung der Darstellung von schwangeren Frauen halten sich natürlich auch heute noch - Bauch-Soaps im Fernsehen und Umstandsmode jenseits von Latzhose und Hängerchen hin oder her. Ron Muecks zweieinhalb Meter hohe "Pregnant Woman" etwa, die derzeit im Berliner Hamburger Bahnhof ausgestellt ist, evoziert geradezu ein Kapitel Kulturgeschichte, in dem sich die schwangere Frau von einer Heiligen bzw. Hure (beide Pole liegen bekanntlich sehr nahe beieinander) zur säkularen Madonna gewandelt hat.

Zu einem Wesen, das allerdings auch nach Jahren seiner öffentlichen Erforschung nicht den Reiz der Fremdheit abgelegt hat. Das scheint denn auch die Lehre des momentanen Schwangeren-Booms zu sein: Je mehr wir von schwangeren Frauen wissen, je intensiver wir sie betrachten können, desto größer wird das Fragezeichen, das wir auf sie pinseln. Wann lernen wir endlich, mit Bäuchen umzugehen?
(Stephan Hilpold/DER STANDARD, Album, Printausgabe 03.10.2003)

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    Auch Bauchtanz-Kurse für Schwangere sind seit einigen Jahren en vogue.
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