Des Netzes Fluch und Segen

8. Oktober 2003, 11:05
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Unterschiedliche Meinungen zur Vernetzung der Forschung, von der EU gefördert und gefordert

Wien - Wenn die Europäische Union bis zum Jahr 2010 im wirtschaftlichen und sozialen Bereich weltweit führend sein wolle, gelinge dies nur, wenn sich die EU auch zu einem gemeinsamen Wissenschaftsraum zusammenschließe: Rainer Gerold, Leiter der Direktion "Wissenschaft und Gesellschaft" der Generaldirektion Forschung in der EU-Kommission, forderte Mittwochabend bei einer Enquete im Wiener RadioKulturhaus "wesentlich mehr Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten im Bereich Forschung".

Bei der Enquete "Forschung in/für Europa - Österreichs Chancen/Perspektiven", veranstaltet von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), Wissenschaftsministerium, Technologieministerium und Radio Ö1, wurde vor allem über die von der EU geforderte und geförderte Vernetzung der Forschung debattiert - dabei prallten Welten aufeinander.

Kritik

Mit durchschnittlich knapp zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes fließe in Europa zu wenig Geld in die Forschung, kritisierte Gerold. Weiters sei die Forschung derzeit "fragmentiert", es würden zu viele nationale Süppchen gekocht. Daraus resultiere eine mangelnde Attraktivität für nicht europäische und aus Europa ausgewanderte Wissenschafter. Unter dem Strich bliebe eine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Einen Ausweg sieht Gerold eben in der Schaffung und dem Ausbau von europäischen Forschungsnetzwerken.

"Und das soll der Weisheit letzter Schluss sein?", konterte Politikwissenschafterin Sonja Puntscher-Riekmann, ÖAW-Mitglied und Vizerektorin der Uni Salzburg. "Netzwerke sind wettbewerbsminimierend, weil derart viele Institutionen und Menschen involviert sind, dass ein gemeinsames Fortkommen schwer möglich ist." Auch bestehe "die Gefahr, dass es durch Networking zu noch mehr Mainstream in der Wissenschaft kommt, was sich auf die Forschungsförderung auswirkt".

"Gefahr zu starker Kontrolle"

Unterstützung erhielt die Wissenschafterin vom Techniker Erich Gornik, Geschäftsführer der Austrian Research Centers: Zu starke Vernetzung berge die Gefahr zu starker Kontrolle über die Forschung. Gesund sei ein Wettbewerb zwischen einzelnen Bereichen, die "nicht zwangsvernetzt" werden müssten. Ansonsten entstehe ein "Dach für bequeme Mittelmäßigkeit".

Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstrass wiederum, Mitglied des österreichischen Wissenschaftsrates, plädierte für eine ganz andere Art der Vernetzung: "War die Wissenschaftslandschaft bisher disziplinär geordnet, muss sie künftig transdisziplinär werden." Es funktioniere nicht länger, dass sich beispielsweise Biologen gemeinsam mit Biologen eines biologischen Problems annehmen: Jedes Problem sei auf viele Bereiche ausgedehnt, also müsste auch die wissenschaftliche Lösung aus vielen Bereichen heraus zusammengeführt werden. Derzeit in Europa systematisch getrennte Strukturen müssten durch "institutionalisierte Forschungsgemeinschaften auf Zeit" ersetzt werden. Was in den USA schon geschehe.

Die wichtigste Vernetzung sei die Etablierung eines neuen "Forschungsdreiecks, bestehend aus Grundlagenforschung, angewandter Forschung und produktorientierter Anwendungsforschung". Also ein engerer Forschungsverbund von Wissenschaft und Wirtschaft. Mit dem neuen Unigesetz in Österreich, das den Unis eine große Autonomie gebe, könne dies erreicht werden. (fei, DER STANDARD, Print, 03.10.2003)

Liegt in der Vernetzung der Forschung, von der EU gefördert und gefordert, die Zukunft des europäischen Wirtschafts- und Wissenschaftsraums? Ja sagen die einen, Nein die anderen. Bei einer Enquete im Wiener RadioKulturhaus prallten Welten aufeinander.
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