Sorgenkind Koedukation: "Vergesst die Buben nicht!"

12. Jänner 2000, 19:08


Kurt Scholz

Nichts ist mehr, wie es einmal war: Die Mädchen sind heute in Schwierigkeiten. Sie verlieren in der Schule ihr Selbstvertrauen und werden eine schweigende Mehrheit. Ihre Begabungen in Mathematik und den Naturwissenschaften bleiben ungenützt. Sie werden magersüchtig, depressiv, schreiben Abschiedsbriefe. Aber auch die Buben sind in Schwierigkeiten: Die Grundschule fordert eine Feinmotorik, über die sie entwicklungsmäßig noch nicht verfügen. Sie flüchten in das Computerspiel. Sie schreiben schlechter als Mädchen und ihre gelegentliche Rauflust, ohne die einst ein Bub als "verweichlicht" galt, wird heute als "pathologisch" diagnostiziert. Sie lesen weniger als die Mädchen, haben Konzentrationsdefizite, sind hyperaktiv ...

All das macht Schlagzeilen, finanziert Forschungsvorhaben und mündet in den Ruf nach getrennt geschlechtlicher Erziehung.

Verschleierung der Probleme

Faktum ist: Die Debatte der Geschlechterfrage ist auch im Schulbereich einer Pendelbewegung unterworfen: Bis in die 50er Jahre unseres Jahrhunderts war die Geschlechtertrennung ein fixer Bestandteil konservativer Pädagogik. Nur mühsam setzte sich dagegen in den 60er- und 70er-Jahren das (in der Zwischenkriegszeit entstandene) Wiener Modell der Koedukation durch. Viele Probleme wurden dadurch allerdings eher verschleiert als gelöst.

In den letzten Jahren wurde - ausgehend von den USA - immer wieder auf die Benachteiligung der Mädchen hingewiesen: Lehrer widmen den Mädchen weniger Aufmerksamkeit als den Buben; Schulbücher verstärken Geschlechterstereotype; die Organisation der Schule bevorzuge die Buben. Bücher wie das von Susan Bailey (How Schools Shortchange Girls, 1995) oder Peggy Orenstein (Schoolgirls: Young Women, Self-Esteem and the Confidence Gap, 1995) führten in den USA jahrelang die Bestsellerlisten an.

Und, wichtiger noch, sie lösten Erziehungsreformen aus: Zwischen 1991 und 1997 stiegen in den USA die Schuleinschreibungen in privaten und religiösen Mädchenschulen um mehr als 15 Prozent. Lokale Schulverwaltungen richteten nach Geschlechtern getrennte Klassen ein. Eliteschulen für Mädchen wurden gegründet.

Dass die Betonung von Mädchenfragen Rückschläge hinnehmen musste, war unvermeidlich: Neue Untersuchungen (etwa von Michel Gurian (A fine Young Man, 1999) stellt nur die emotionalen Krisen von Buben und ihre Lernschwierigkeiten in den Vordergrund.

Immer mehr Psychologen betonten, dass gerade auch die Buben in der Schule in einer "pädagogischen Zwangsjacke" stecken. Vieles davon ist auch in Österreich nachvollziehbar: An den Volksschulen gibt es einfach zu wenig männliche Lehrer.

Ist Lernen "Frauensache"?

Dadurch wird den Buben tagtäglich suggeriert, dass "Lernen hauptsächlich eine Mädchensache" ist. Die Betonung der "schönen Handschrift" ist durch die Buben, deren Feinmotorik sich später entwickelt, schwerer zu erfüllen. Daher flüchten Buben auch eher in den Gebrauch der Computer, von denen es in den Schulklassen immer noch zu wenige gibt.

Auch gibt es in unseren Schulen Hinweise darauf, dass das Selbstwertgefühl von Buben (und deren Schulerfolg) mehr in Gefahr ist als das der Mädchen: So schließen zum Beispiel in den Wiener AHS 94 Prozent der Mädchen gegenüber nur 90% der Buben ihre Schulstufe erfolgreich ab. Bei den Reifeprüfungen haben 20% der Mädchen einen "ausgezeichneten Erfolg" gegenüber 16% der Burschen, dafür bestehen 12% der Buben die Matura nicht gegenüber nur 7,6% der Mädchen.

Der Schulerfolg der Mädchen ist dort, wo überproportional Frauen unterrichten, signifikant besser als der der Buben. Dafür "führen" die Buben in der Dropoutquote. Wird auch hier - wie in den Volksschulen - den Buben unbewusst signalisiert, dass das Lernen eher eine Sache von Frauen für Mädchen ist?

Bringt die Geschlechtertrennung erfolgreichere Schullaufbahnen für Mädchen? Die Frage ist nicht klar zu beantworten. Klar ist aber, welche Maßnahmen Mädchen wie Buben gleichermaßen nützen: Das Einschreiten gegen Respektlosigkeiten; klar strukturierte Lehrmethoden; eine gleich verteilte Aufmerksamkeit auf Schülerinnen und Schüler. Und klar ist auch, dass Geschlechterstereotype destruktiv sind - für Mädchen und für Buben. Erziehungsempfehlungen, die für Mädchen sinnvoll sind, helfen auf Buben - und umgekehrt.

Individuelle Zuwendung

Besser als "den Mädchen" oder "den Buben" zu helfen ist es also, dem Kind in individualisierten Unterrichtsformen zur Seite zu stehen. Zugleich geht es aber auch um neue Ziele der Schulverwaltungen: Wir brauchen mehr Frauen in den Führungspositionen und mehr Männer in den Grundschulen.

Pädagogik bedeutet nicht die Bevorzugung einer Gruppe gegenüber der anderen und bedeutet schon gar nicht die Erziehung einer Gruppe gegen eine andere. Das ist nicht die Aufgabe der Schule. Sehr wohl ist es aber ihre Aufgabe, für die Selbstachtung der jungen Menschen beizutragen und auch bei den Eltern ein neues Rollenverständnis zu bewirken.

Wenn das geschieht, dann können wir auch mit dem Streit darüber aufhören, welches Geschlecht mehr, welches weniger begünstigt ist - und die Lehrerinnen und Lehrer können sich darauf konzentrieren, den Kindern mehr Aufmerksamkeit zu widmen - als Individuen. Denn das sind sie schließlich.

Kurt Scholz ist Präsident des Wiener Stadtschulrats.

Die Standard-Serie "Mann in der Krise" hat vielfältige Reaktionen - insbesondere zur Problematik der Schulerziehung - ausgelöst. Nach dem Erfahrungsbericht von AHS-Direktorin Heidi Schrodt (11. 1.) meldet sich nun der Präsident des Wiener Stadtschulrats zu Wort.
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