Bergstation Erholung

27. Oktober 2003, 10:37
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Auf dem Vigiljoch in Südtirol lockt nun ein höchst unkonventionelles Wellness Hotel, gestaltet von Stardesigner Matteo Thun

Alles beim Alten, denkt man noch, wenn man sein Auto auf dem Parkplatz der Seilbahn aufs Vigiljoch abstellt: Die altmodische Kabine setzt sich denn auch stockend in Gang, rund um und über Meran beugen sich die mit Früchten schwer beladenen Apfelbäume und Weinstöcke, und es ist, als beame man sich zurück zu einem familiären Wandertag in den 60er-Jahren - obwohl, wer nahm an so einem Tag schon große Koffer mit? Hinten in der Kabine hängen ein paar Abendkleider; die Dame daneben macht nicht gerade den Eindruck, als würde sie heute noch einen Berg besteigen.

Alles beim Alten? Weit gefehlt: Seit Monaten wurde in Südtirol viel gemunkelt über ein Hotelprojekt, das in der Region seinesgleichen sucht. Am Vigiljoch, dem Wochenendberg der Lanaer und Meraner, mit Blick auf die Dolomiten und Zugang auf die Almböden des Ultentals, dort, wo man früher in Ermangelung besserer Skigebiete im Winter zumindest üben konnte, hat sich der Unternehmer Ulrich Ladurner einen Traum erfüllt: Eigentlich wollte er zuerst ein altes Hotel aus der Jahrhundertwende revitalisieren, und so gewissermaßen in das Ausflugsziel seiner Jugendtage zurückkehren. Irgendwann nahm er im Bestreben, "einen Bettenturm zu vermeiden", Kontakt auf mit dem ebenfalls in Meran gebürtigen Stardesigner und Architekten Matteo Thun, und es kam - nein, nicht wie es kommen musste, sondern wie es eben kaum jemals kommt: Ein völlig neues Gebäude mit einer Hausphilosophie, so eigenwillig, klar und funktionell wie die Entwürfe Thuns. Vom alten Hotel blieb am Vigiljoch eigentlich nur noch ein Kachelofen erhalten.

Und wer jetzt nach einer guten Viertelstunde Schwebeseilbahnfahrt oben aus dem alten Ankunfts-Häuschen tritt, dem präsentiert sich ein imposanter Anblick. Wie ein gestürzter Baumriese liegt da jener Gebäudekomplex, den Matteo Thun fast ausschließlich aus Holz, Glas und Lehm komponiert hat. Mag das Restaurant für Tagestouristen noch eher vorsichtig Bau- und Sehgewohnheiten "droben am Berg" entgegenkommen, so vermittelt das Gebäude auch innen und erst recht im den Hotelgästen vorbehaltenen Trakt in sanften Überblendungen eine denkwürdig zeitlose Raumerfahrung.

Auch wenn nur eine Seilbahn auf das Vigiljoch führt und Autos dort oben völlig verpönt sind (Baumaterialien mussten über eine atemberaubend enge, kurvige Forststraße auf den Berg transportiert werden): Dem Vigilius Mountain Resort kann man sich auf mehreren (Erzähl-)Pfaden nähern.

Der eine führt - mit Ulrich Ladurner, dem "Quereinsteiger in Sachen Hotels" - quasi über einen Ort der Kindheit, an dem man nicht nostalgisch innehält, sondern der neue Betrachtungsweisen ermöglicht.

Der zweite führt, heraus aus einem Mailänder Design-Ambiente, gemeinsam mit Matteo Thun, in eine Natur, die man sich erst wieder selbstverständlich machen muss: Einerseits ist der Bau nach allen Seiten denkbar offen für Blicke auf das Landschafts- und Gebirgspanorama, andererseits hat er - etwa in einem großen Empfangsbereich, der "Piazza Vigilius", die ohne die traditionelle Rezeption auskommt - durchaus urbanes Flair. Die Zimmer sind zwar hervorragend dafür gerüstet, irgendwann einmal auch mit Berg- oder Schneestiefeln betreten zu werden. Andererseits würden sie einem Art-Hotel in der Großstadt alle Ehre machen. Dazu: Ein großzügiger Wellness-Bereich mit einem Hallenbad, in dem man mit den nächsten Schwimmzügen durch ein Panoramafenster den nächsten Gipfel zu erreichen meint, einem fernöstlich anmutender Rekreationsbereich, ein "Paradise Garden" mit großer Sonnenterrasse.

Schon die Angloamerikanismen in den Betitelungen zeigen: Hier soll ein (vermögendes) internationales Publikum angesprochen werden. Und hier beginnt der vielleicht unkonventionellste Weg aufs Vigiljoch: Der des italoamerikanischen Hoteldirektors Michael di Lonardo, der sein Handwerk immerhin an renommierten Adressen wie dem Bel-Air in Los Angeles oder dem Waldorf in New York von der Pike auf gelernt hat. Und mittlerweile mit seiner Frau Jennifer Hazen etwa Aman Resorts in Indonesien geleitet hat. Fremder und zugleich selbstverständlicher als er kann man mit den Gegebenheiten in 1500 Meter Höhe schwerlich umgehen.
"You know, sometimes the sound of these cows going home reminds me of Bali." Eine Szene nur aus dem Eröffnungswochenende im Vigilius: Almabtrieb. Eine Gruppe von Sennen, Hirterbuben und -mädchen treibt ihre Herde talwärts, vorbei am Hotel. Rund um das Vigilius stehen schaulustige Einheimische, Touristen und junge Extremsportler, die mit riesigen Rucksäcken bewaffnet, eigentlich zum Paragliding hoch gekommen sind.

Ulrich Ladurner verteilt mehrere Krügel Bier an den vorbeiziehenden Tross, als verfolge er intuitiv das Ziel, die Naturgötter gnädig zu stimmen. Und Michael di Lonardo betrachtet die Szenerie mit der ironischen Distanz eines Mannes, in dessen Erinnerung die Weltgegenden mittlerweile eigenwillige Assoziationen und Überlappungen ergeben: "Der Klang dieser Glocken. . . wenn er zum Hotel herüberhallt, denke ich mitunter an Musik aus Südostasien." Beiläufig hebt er ein Stück Holz auf, das ein Bauarbeiter an den Zaun gelehnt und vergessen hat.

Es ist noch viel zu tun, bis das Hotel heimelig und zugleich selbst am Berg daheim, natürlicher Bestandteil ist. Und wenn morgen die ersten Gäste wieder ins Tal abgefahren sind, geht die Feinabstimmung weiter: "Alle Eleganz, der ganze Komfort muss selbstverständlich, darf nicht Selbstzweck sein", sagt Di Lonardo. "People will feel here like visiting a good friend." Daher: "Wir fahren die Sache langsam hoch; der Teufel bei Hoteleröffnungen liegt immer im Detail. Plötzlich ist das keine Baustelle mehr, sondern ein Erholungsareal. Da muss man umstellen auf eine völlig andere Art der Beobachtung und Reaktion."

Mitunter fliegen etwa Vögel gegen große Glasflächen, die sie von Freiräumen nicht unterscheiden können. Man wird noch einige Maßnahmen setzen müssen, um Matteo Thuns Bau auch nach außen mit den Gegebenheiten der umliegenden Natur zu harmonisieren. Und interessante Probleme: Die Vigilius-Zimmer haben bewusst keine Fernseher. Damit fällt man eigentlich aus der Sterne-Bewertung für Hotels.
Di Lonardo, der noch am Vorabend mit bärbeißigem Humor in der Biblio- und Videothek The Shining (Jack Nicholson im Berghotel!) präsentierte - er lässt keinen Zweifel daran, dass dies gelingen wird. "In Indonesien musste ich sämtliches Inventar, Lebensmittel und alles, was eben zu einem guten Hotel gehörte, auf eine Insel transportieren, die eigentlich nicht einmal einen Anlegeplatz für Boote hatte." Aber das sei für ihn immer das Reizvolle gewesen, egal, ob er nun in Los Angeles, in Asien oder eben hier am Berg arbeite: "To make it work. And it will work." Der Hall der Kuhglocken und die Rufe der Hirten verflüchtigen sich langsam im Wald. Bald fährt auch die letzte Seilbahn ins Tal. Einige Gäste verziehen sich noch einmal in den Wellness-Bereich. Es wird kühl. Für einen Moment denkt man, wunderbar abgeschnitten vom Rest der Welt, dies sei nun die luxuriöseste Almhütte der Welt.

"Ich bin froh, dass der Herr Ladurner das Hotel gebaut hat", sagt eine Nachbarin, die seit Kindheitstagen den Großteil des Jahres in einem kleinen Haus am Vigiljoch lebt und die vergangenen Tage mitgeholfen hat, dass das Vigilius bezugsfähig wurde. "Jetzt wird wohl weiterhin darauf Acht gegeben, dass diese Idylle erhalten bleibt. Autos zum Beispiel haben hier nichts verloren", sagt sie. "Hier oben, das ist voller Erinnerungen, und dieses Hotel ist etwas Neues, das vielleicht garantiert, dass das Alte erhalten bleibt." (Claus Philipp, Der Standard/rondo/3/10/2003)

Nähere Informationen über das Vigilius Mountain Resort - etwa über ermäßigte Zimmerpreise in den ersten Monaten - unter www.vigilius.it und unter Tel. 0039/0473/556600
  • Artikelbild
    foto: www.vigilius.it
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