Tropfen auf heiße Beine

23. Dezember 2003, 12:28
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Für das legendäre N° 5 verwendet Chanel bis heute ausschließlich Jasmin aus Grasse. Ein Besuch auf der südfranzösischen Blumenfarm

"Der Nase" geht es blendend. Und das merkt man ihr auch an. Obwohl es hier in dem kleinen Gartenpavillon etwas zu kühl ist für das dünne blau-weiß gestreifte Hemd, das Jacques Polge heute Morgen trägt. Ein Schnupfen? Weit gefehlt. "Hier in Grasse, da blühe ich auf", sagt Polge, und man glaubt es ihm aufs Wort.

"Hier in Grasse", damit meint der oberste Parfümeur und damit auch die oberste "Nase" von Chanel die Felder von Monsieur Mul. Nicht die Gurkenfelder natürlich und nicht jene für die Tomaten hinterm Haus. Es sind die Blumenfelder, deretwegen Jacques Polge regelmäßig hierher nach Südfrankreich kommt.

Gegen Ende des Sommers wird Jasmin gepflückt - die neben der Mairose wichtigste Duftkomponente in Chanels legendärem Parfum N° 5. Scharen von süditalienischen Gastarbeitern tummeln sich auf der Farm. Jeder von ihnen trägt einen Korb voller Blüten unterm Arm. Zwei Kilo, zwei Kilo fünfzig, drei Kilo: Mehr schafft ein Arbeiter nicht an einem halben Tag. "Ein Flacon Essenz mit zwei Unzen enthält 270 Gramm Blüten, also ungefähr 3000 Blumen", sagt Polge und betont dann noch einmal den Umstand, weswegen man schließlich auch hier ist: "Alle Blumen kommen wohlgemerkt aus Grasse. Sie werden sofort hier vor Ort verarbeitet, einen Transport würden sie nicht überleben."

Seit 1921, als Coco Chanel den Duft kreierte,

... hat sich daran nichts geändert. Der großblumige Jasmin aus dieser Gegend hat einen besonderen Duftwert. Und ist im Übrigen auch eine der teuersten aller Parfumpflanzen. "Riechen Sie nur", sagt Polge und hält den Besuchern einige Blüten hin.

Der Duft ist betörend - und das im wahrsten Sinne des Wortes. Zusammen mit der Mairose macht er die Herznote von N° 5 aus. Wie bloß hält eine Nase diese Gerüche über Jahre hinweg aus? Polge winkt ab: Seit über 20 Jahren kreiert er die Düfte von Chanel - und seit über 20 Jahren kennt er die Sorgen, die man sich um sein feines Näschen macht. "Es ist die Erfahrung, die Erinnerung an die Düfte, die den Beruf des Parfümeurs ausmacht, mit meiner Nase hat das alles recht wenig zu tun." Immerhin ist der Mann in der Lage, beinahe 3000 Düfte bzw. Duftbausteine zu unterscheiden. Sagt man ihm zumindest nach.

Mittlerweile hat man die Blumen in das kleine Fabriksgebäude neben dem Gartenpavillon gebracht. Hier wird in einem mehrstufigen Verfahren erst das Concrète, dann das Absolue gewonnen, jene intensiv duftende Substanz, die die Grundlage aller Parfums ist. "Wie die genaue Komposition von N° 5 ausschaut, möchten Sie wissen?", fragt Polge und gibt sich gelassen: "Wenn ich Ihnen das sagen würde, könnte ich gleich meinen Job hinschmeißen."

Das "Geheimnis von N° 5",

... das gibt auch Polge unumwunden zu, ist nur zu einem gewissen Teil das Geheimnis seiner Zusammensetzung. Der Rest ist Marketing - und eine große Portion Glück. Spätestens als Marylin Monroe auf die Frage, was sie in der Nacht trage, mit "einige Tropfen N° 5" antwortete, wurde aus dem Parfum ein Gegenstand mythischer Verklärung. Und sollte es bis heute bleiben.

Daran arbeitet man bei Chanel auch weiterhin schwer: Fotografen wie Richard Avedon, Irving Penn und in neuerer Zeit Patrick Demarchelier oder Bettina Rheims pflegen auf ihre Art das Image der Marke, seit 1998 dreht Luc Besson die Werbeclips. Exklusivität suggerieren sie und absolute Einzigartigkeit. Sie gehören auch in Grasse mit zum Programm. Mit dem Blumenfarmer Monsieur Mul hat man einen Exklusivvertrag abgeschlossen, die Jasmin- und Rosenfelder werden mit zwei Zugpferden bearbeitet (da ein Traktor deren Aufgabe offenbar nicht erfüllen kann), nur die schwer arbeitenden Gastarbeiter passen irgendwie nicht ins Bild.

Der Duft von N° 5, sagt Polge, müsse trotz kleinerer Nachjustierungen beibehalten werden. Doch das ist über die Jahre schwieriger, als man vielleicht annehmen könnte: "Ein Teil meines Jobs besteht darin, sicherzustellen, dass Chanel N° 5 heute genauso riecht wie vor 80 Jahren." Ob N° 5 eigentlich, käme es heute auf den Markt, genauso viel Erfolg haben würde wie im vergangenen Jahrhundert? "Nein", sagt Polge, "N° 5 passt nicht mehr wirklich in unsere Zeit." Vielleicht ist auch das Teil seines ungebrochenen Erfolgs. (hil, Der STANDARD/rondo/03/10/03)

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