Übers Wetter reden

9. Oktober 2003, 14:32
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Wenn man den Mund aufmacht, ist in unseren Tagen Vorsicht angesagt. Daher ist es am besten, man sagt gar nichts

++PRO
Von Peter Vujica

Um des zur Zeit gerade wieder einmal bomberfreien Himmels willen - worüber soll man reden? Wenn man den Mund aufmacht, ist in unseren Tagen Vorsicht angesagt. Daher ist es am besten, man sagt gar nichts.

Doch wenn man schon nichts sagen soll, dann wird man doch ein bisschen fragen dürfen. Zum Beispiel, ob sich der Herr Innenminister, der ja bald kaum noch Polizisten, dafür aber ein Musterbudget haben wird, künftig, um bei der nächsten gröberen Wirtshausrauferei Ordnung zu schaffen, beim Herrn Heeresminister einen Abfangjäger ausborgt.

Oder wann endlich alle strammen unvereinigten und vereinigten europäischen Politiker, die sämtliche Iraklügen brav nachgelogen haben, und alle medialen Herolde, die diese in naivem Eiferertum nachgeplappert und verbreitet haben, sich in ganz Europa mit der Sammelbüchsen in der Hand auf die Straßen stellen, um Herrn Bush, dessen Zaster eben nur für das Zusammenhauen reichte, aus der Patsche zu helfen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich mit derlei Fragen besonders beliebt macht, ist freilich gering. Auch die Frage, warum Österreichs SPÖ-Chefs ihre Sprösslinge in feine Privatschulen und die Ober-ÖVPler die ihren in öffentliche Schulen schicken, kommt wahrscheinlich auch nicht so besonders gut.

Woraus geschlossen werden darf, dass man nicht nur nichts sagen, sondern auch nicht viel fragen soll, außer nach dem Wetter. Auch wenn den Antworten auf diese harmloseste aller Fragen ebenso wenig zu trauen ist. Mit einem einzigen Unterschied: Man darf sie straflos stellen und ihnen straflos misstrauen.

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--CONTRA
von Daniel Glattauer

Würden die Leute weniger vom Wetter reden, dann würden sie insgesamt ein Drittel weniger reden, das wäre umweltfreundlich. (Außerdem könnten Leute wie ich dann mehr übers Wetter schreiben.) Dramaturgisch reizvoll wäre etwa der "wettergesprächsfreie Tag", eine Initiative des Bildungsministeriums, zur Minimierung der Trivialsprachkultur und Hebung der Geburtenrate in Ermangelung von Gesprächsstoff.

Auf der Parkbank würde sich dann folgende Szene zutragen. A: Grüß Sie, Herr Nachbar, was sagen Sie zu diesem wundervollen Tag? B: Wie meinen Sie "wundervoll"? A: Ich meine, dass man im Herbst noch . . . (Unterbricht sich.) B: Hier sitzen kann! Ja, die Bank ist angenehm. Eine Holzbank. (Beide betrachten die Bank. Pause.) A: Der Sommer heuer war ja . . . B: Wie meinen Sie? A: Ein . . . äh . . . richtiger Kultursommer. Viele Veranstaltungen, auch im Freien, weil . . . B: Weil was? A: Weil dort die Bühnen waren. B: Richtig. Im Freien werden immer mehr Bühnen gebaut. A: Aus Holz. B: Aus gutem, stabilem Holz. (Pause.) A: Das wird heuer sicher ein strenger Wi . . . B: Wie bitte? A: Ein strenger . . . äh . . . Wirtshausgeruch. Dagegen bin ich allergisch. B: Sitzen Sie deshalb hier? A: Ja, kann man sagen. Und warum sitzen Sie hier? B: Um die letzten Sonnenstrahlen. . . (B erschrickt, A lacht schadenfroh, C, uniformiert, tritt hinzu.) C (zu B): Habe ich "Sonnenstrahlen" gehört? - Ihren Ausweis bitte. A: Ja, Herr Wetterinspektor, er hat "Sonnenstrahlen" gesagt, ich kann's bezeugen. C: Das gibt ein saftiges Organstrafmandat! (Der Standard/rondo/3/10/2003)

  • Artikelbild
    epa/oscar pipkin
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