von Linda Reiter

9. Oktober 2003, 14:32
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Frau Margit macht sich anlässlich der neuen Wiener Hundeordnung Sorgen um Lancelot. Sie schreibt: Sehr geehrte Frau Reiter, meinem Ungarischen Hirtenhund werden die nur über meine Leiche einen Mikrochip einpflanzen. Ich halte das für eine Ungeheuerlichkeit. Erstens verträgt Lancelot überhaupt keine Spritze in den Hals, weil ihn dort einmal eine Hornisse gestochen hat, in diesem Bereich lässt er sich nicht einmal mehr streicheln. Zweitens ist der "gläserne Hund" die letzte Generalprobe für den gläsernen Menschen. Bald rennen wir selbst mit Chips im Rücken herum wie in einem futuristischen Gruselfilm. Ich bitte alle verantwortungsvollen Journalisten und Journalistinnen des Landes, gegen die für Jänner 2004 geplanten neuen Hundevorschriften Widerstand zu leisten.

Liebe Frau Margit, über Katzen-Codes oder "Fish and Chips" (in London) könnten wir stundenlang plaudern, bei Hunde-Identitäten plage ich mich etwas mehr. Sind Ungarische Hirtenhunde nicht diese Zottelbären, wo man nie weiß, wo vorne und hinten ist? Also da fände ich einen Chip als Ortsangabe schon ganz sinnvoll. Überhaupt halte ich die Idee eher für aufregend als für abschreckend. Vielleicht können dann auch Hundegehirnströme - falls vorhanden - gemessen und abgelesen werden, sodass der Besitzer schon vorher weiß, welches Bein der Hund wohin heben wird. Und wenn man als Passant von einem schief schauenden oder knurrenden Knäuel ins Visier genommen wird, ließe man sich nicht mehr vom süßlichen "Er tut nichts, er ist nur ein bisschen verspielt" des Besitzers beschwichtigen. Da hat man schon eine Ecke vorher auf seinem Handy direkt vom Mikrochip des Hundes dessen aktuelles Sündenregister abgelesen: "September 2003: Sieben Frauenhandtaschen vollgesabbert, acht Kehlköpfe abgeschleckt, fünf helle Sakkos tätowiert, vier Waden von hinten saftig bedient." Solchen Hunden würde ich dann nur noch mit Helm und gefüllter Spritzpistole gegenübertreten.
Freundlichst, Linda Reiter (Der Standard/rondo/3/10/2003)

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