Sterbehelfer outen sich

3. Oktober 2003, 11:33
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Euthanasie-Fall bewegt Frankreich - 22-Jähriger, querschnittgelähmt, blind und stumm, bekam von seiner Mutter eine Überdosis Schlaftabletten

Im nordfranzösischen Städtchen Berck wurde am Mittwoch Vincent Humbert beerdigt. Der 22-Jährige, nach einem Verkehrsunfall querschnittgelähmt, blind und stumm, hatte in der Vorwoche von seiner Mutter auf eigenen Wunsch eine Dosis Schlaftabletten bekommen. Er überlebte nur kurze Zeit.

Chefarzt hat Reanimation abgebrochen

Chefarzt Frédéric Chaussoy gibt nun zu, dass er die Reanimation abgebrochen habe. Gestern, Mittwoch, wurde er von der Polizei einvernommen. Er hat mit einer Anklage zu rechnen, da die Sterbehilfe in Frankreich verboten ist.

Der Fall bewegt das Land seit Tagen, zumal Vincent Humbert seinen Sterbewunsch in einem Buch kundtat. Zudem hatte er an Staatschef Chirac geschrieben.

Sterbehilfeverbot soll überdacht werden

In den meisten Wortmeldungen kommt zum Ausdruck, dass das aktuelle Sterbehilfeverbot zumindest überdacht werden müsse. Chefarzt Chaussoy meinte, in den französischen Spitälern werde die Euthanasie in Absprache mit den Angehörigen immer wieder praktiziert, ohne dass dies eingestanden werde. "Man lügt sehr gut und sehr regelmäßig; mit dieser traditionellen Heuchelei könnte man noch lange weitermachen", erklärte er.

Sterbehelfer outen sich

Mehrere Personen haben mittlerweile öffentlich eingeräumt, sie hätten Sterbehilfe geleistet. In der Zeitung Libération bekannte ein Anwalt sogar, er habe die Apparate, an denen sein an Lungenkrebs erkrankter Vater hing, ohne dessen Zustimmung abgeschaltet. Das Leiden des Vaters sei zu groß gewesen und die Ärzte hätten ihm nur noch zwei Tage gegeben. Der ehemalige Gesundheitsminister und Arzt Bernard Debré wandte darauf ein, man könne nie im Voraus wissen, wie lange das Leben dauere.

Auch Premierminister Jean-Pierre Raffarin ist gegen die Zulassung der Sterbehilfe - sei dies aktiv wie in den Niederlanden oder passiv wie in der Schweiz. Gleichzeitig weiß er auch, dass eine strikte Ablehnung die klammheimliche Euthanasiepraxis nur noch fördert. In der Nationalversammlung wurde eine Euthanasie-Kommission gebildet.

Einsatz starker Schmerzmittel

Gesundheitsminister Jean-François Mattei regt "Verhaltensregeln" an. Geregelt werden soll zum Beispiel der Einsatz starker Schmerzmittel, deren lebensverkürzende Wirkung bekannt ist. Ob solche generellen Vorgaben im Einzelfall überhaupt dienlich sind, ist umstritten. Vorläufig fordert Justizminister Dominique Perben die Gerichte auf, das Gesetz gegenüber dem Arzt und der Mutter von Vincent Humbert "mit der größtmöglichen Menschlichkeit anzuwenden". (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD Printausgabe 2.10 2003)

Immer mehr Verwandte und Ärzte bekennen, dem Leiden von Patienten ein Ende bereitet zu haben. Frankreich erlebt eine neue Euthanasiedebatte. Der Mann, der die Diskussion ausgelöst hatte, wurde inzwischen zu Grabe getragen.
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