"Man muss Künstler finden, die kämpfen können"

1. Oktober 2003, 19:15
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Der erste Jour fixe im Grazer Kunsthaus galt der Architektur des "Friendly Alien" - Der Venezianer Marco De Michelis war Gast

Der venezianische Architekturtheoretiker Marco De Michelis kam zum ersten "Kunsthaus Jour fixe" nach Graz. Thema der vom STANDARD mitveranstalteten Diskussionsreihe war das "Friendly Alien" selbst. Davor schilderte er erste Eindrücke.


Graz - Er kam nach Graz, ohne sich vorher Fragen gestellt zu haben. Marco de Michelis, Dekan der Architekturfakultät von Venedig und bis 2003 Professor an der Bauhaus-Universität Weimar, war aber hochgradig neugierig. Immerhin gab es das erste Gebäude zu besichtigen, das Peter Cook, ein weltberühmter Architekt, mit 66 vorlegt.

Und? "Positiv, städtebaulich witzig, weich, nicht so aggressiv, ein Ball. Es wirkt temporär, wie eine Installation, aufgeblasen, und in zwei Wochen geht die Luft aus und alles verschwindet. Jetzt gilt es zu warten, wie ein festeres städtisches Bild entstehen wird."

Die Transparenz schätzt De Michelis, die Inszenierung, den Sog nach oben, den zwingenden Parcours, den die Rolltreppen vorgeben. Fraglich erscheint ihm der unterschiedliche Charakter der beiden Ausstellungsebenen. Hier beginnt dann wieder die ewige Diskussion um die "White Box". Der neutrale Raum hat sich zwar als funktionsfähig erwiesen, aber als endgültige Lösung möchte De Michelis ihn nicht zementiert wissen. Das wäre auch historisch nicht haltbar: "Alte Museen waren auch nie neutral. Die Kunst musste immer eine Dialektik entwickeln. Wir haben alle wunderbare Ausstellungen gesehen in Räumen, die total schwer zu bespielen sind. Und langweilige in weißen Boxen. Die erste Etage in Graz kann da auch Impulse geben. Skeptisch bin ich bezüglich des oberen Raums. Da haben sich die Architekten überschätzt. Das Beleuchtungssystem sieht aus wie eine Installation von Lucio Fontana. Da muss man schon jemanden finden, der in der Lage ist, dagegen zu kämpfen. Sol LeWitt, der 2004 dort ausstellen wird, sollte aber genug Quadratisches liefern, um gegen den oberen Raum zu boxen."

Das Grazer Kunsthaus sei "sympathisch naiv", voller Details, die architektonisch nicht richtig zu Ende gedacht wurden, der Preis eben für eine Planung in "jugendlich-unkritischem Optimismus". Und: "Ein bisschen alt ist es geboren, auf erstaunliche Weise nicht aktuell. Obwohl ich es nicht als spät realisiertes Werk von archigram sehe. Aber es ist in diesem Zeitgeist der 70er-Jahre".

Herzog/de Meuron oder Zumthor, diese "so genannten Minimalisten" der jüngeren Generation, verteidigt De Michelis das Naive, "sind so seriös, sie dramatisieren jedes Problem, jedes Detail wird zu einem Dilemma hochstilisiert. Etwa Bregenz ist von ungeheuerer Härte. In Graz ist alles spielerisch, dass ist eine Qualität."

Ob man anstatt von Spielerisch nicht auch von einem zu großen Kompromiss zwischen Entwurf und Realität sprechen könnte? "Es braucht doch diese besonderen Technologien nicht. Man muss damit aufhören, immer Raketen bauen zu wollen. Wer behauptet, er würde Raketentechnologie benutzen wie Foster oder Rogers, der ästhetisiert doch nur den Traum einer Moderne. Das ist marktorientiert, da geht es doch nur darum, den Leuten vorzugaukeln, dass die Fabriken nicht schmutzig, sondern so sauber sind wie eine Waschmaschine, und so sehen sie dann auch aus."

Könnte es sein, dass der Hang zu spektakulären Entwürfen am Wettbewerbssystem selbst liegt, daran, dass jeder die Jury um jeden Preis zu beeindrucken sucht? "Die Physiologie des Wettbewerbs ist: Wenn du gewinnen willst, darfst du nur eine klare Idee liefern, für mehr haben die Preisrichter keine Zeit, man gewinnt mit einer Leitidee. Und die bleibt zu oft auch die einzige des Gebäudes."

Hose zu klein

Und in Wien, wo dem MuseumsQuartier auch ein Wettbewerb voraus ging? "Ich habe nie verstanden, warum man das gemacht hat, brauchte man etwas so Zentrales? Die Architekten haben fein gearbeitet, aber es ist ein bisschen langweilig und ein bisschen zu dick. Es ist ein Gebäude Größe 54 in einem Paar Hosen Größe 48."

Und die begehrteste Baugrube der Welt, "Ground Zero", kann man so etwas einfach ausschreiben? "Eindeutig nein. Am Bewerb haben einige der besten Architekten der Welt - Amerikas - teilgenommen und einige der intelligentesten. Und der Entwurf von Liebeskind ist so katastrophal im Vergleich zum Jüdisches Museum in Berlin oder dem Museum in Osnabrück. Wenn die Metaphern, wie hier das Jahr der Unabhängigkeitserklärung, nicht aus dem Bauch des Architekten kommen, sondern aus Politik und Berechnung erwachsen, kommt es zu einer Tragödie wie der geplanten."
(DER STANDARD, Printausgabe, 2.10.2003)

Von
Markus Mittringer
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