Lichtbilder in Kopfschmerzblau

9. Oktober 2003, 17:09
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Mit einem gestrafften Angebot zieht das Art Forum Berlin in den Kampf um den hippsten Kunstmarkt

Das Art Forum Berlin ist nur eine der sechs großen Kunstmessen dieses Herbstes. Mit einem gestrafften Angebot zieht Berlin in den Kampf um den hippsten Kunstmarkt. Das - staatlich gesponserte - Kanada-Angebot könnte sich dabei als Ballast erweisen.


"Showing up!": 80 Prozent des Erfolges seien das, meint US-Künstler Tom Sachs. Vielleicht gibt es deshalb in diesem Herbst so viele Messen, allein sechs große internationale. Tom Sachs zeigt sich auch dank seines Galeristen Thaddäus Ropac derzeit am bis Sonntag dauernden Art Forum Berlin, einer 1996 gegründeten zeitgenössischen Kunstmesse. Seine verfremdeten Polizeischilder und die mit Bauplanken gezimmerte Eileen-Gray-Lampe sollen auch das Interesse an seiner Personale im Deutschen Guggenheim Berlin wecken.

Ein einmaliges Gastspiel, meint Ropac, der auch an der in zwei Wochen Premiere feiernden Frieze Art Fair in London teilnimmt. Auch diese will "cutting edge"-Kunst zeigen, eine hippe Show.

Galerist Christian Nagel, Vorsitzender des Galerienbeirats (dem heuer erstmals auch der Wiener Georg Kargl angehört) meint dazu sarkastisch, dass es sich noch erweisen werde, wer hier am Ball bleibt, Großbritannien habe nämlich genau drei Sammler.

Das Angebot straffte man auf 100 Aussteller, davon 58 Prozent aus dem Ausland. Und man zog in neue, hohe, tageslichtdurchflutete Hallen, die ihresgleichen suchen. Viele Berliner Galeristen, die dies gefordert hatten, sind heuer in London. Neun Galerien stammen aus Kanada, auch weil sie extra gesponsert wurden: Kein guter Ansatz in harten Zeiten, zumal deren Performance nicht unbedingt überzeugt.

Ein Fokus des Art Forums liegt und lag auf Fotografie. Die triste Plattenbau-Foto-oder peinliche Befindlichkeitsdichte liegt heuer dankenswert niedrig. Obwohl sich manche Möchtegern-Gurskys herumtreiben. Anders liegt Andreas Gefeller bei Rehbein/Köln mit seinen großen Urlaubsfantasien in Kopfschmerzblau oder einer semiabstrakten, von oben aufgenommenen Büroetage (6400 Euro); auch Lois Renners Kompositionen bei Kuckei + Kuckei/Berlin sind angenehm anders (Mirabellgarten, 1999, 17.000 Euro)

Die Berlinerin Katrin Korfmann, bei Art Affairs/Amsterdam, retuschiert bei ihren Museumsfotos die Kunstwerke weg. Oder sie produziert einen Leuchtkasten mit Filmkadern, White, one minute, mit Eishockeyspieler-Fragmenten (4500 Euro). Den Stand von Cueto/ Paris wandelt die in Berlin lebende Künstlerin Jeanne Susplugas in ein tablettengespicktes medizinisches Kabinett um.

Klassiker wieder bei Kicken/Berlin, der quasi archäologisch einen kürzlich unter einem Bretterboden gelegenen Fototeppich von Martin Kippenberger hervorkehrt. Von Letzterem verkaufte um 70.000 Euro Widauer/Innsbruck am Eröffnungtag die Holzskulptur eines Armaturenbrettes - das, was laut Kippenberger einem Manta-Fahrer durch den Kopf geht, wenn er an einen Baum knallt.

Skulpturen und Installationen finden sich kaum, den Schwerpunkt bilden Fotografie und gegenständliche Malerei. Wobei die Malerei die Fotografie imitiert und umgekehrt. Manchmal, wie bei Callum Mortons kitschig-bedrohlichen Hotelkomplexen, werden die Fotos gleich übermalt (Prüss & Ochs). Heimo Zobernig überzieht das Repro seines Mumok-Ausstellungplakates mit Reflexionsgranulat, welches sonst nur Straßen bedeckt (22.000 Euro bei Nagel, Berlin/Köln).

Auch die scheinbar altbackene Aquarelltechnik feiert fröhliche Urständ, etwa beim sehr umstrittenen und zweifelsfrei talentierten Maler Norbert Bisky, dessen Riesenformat gleich am ersten Tag mit rotem Verkaufspunkt versehen war. Die Aquarelle des erst seit drei Jahren bei Schulz/Berlin vertretenen Künstlers kommen auf 1200 Euro. Architekturzeichnungen scheinen auch schwer angesagt zu sein, bei Eigen+Art bannen Nina Fischer/Maroan el Sani Innenräume des Palasts der Republik auf Holz (3000 €). Am selben Stand verlangt man für zwei Riesenformate des Galeriestars Neo Rauch je 60.000 Euro.

Für 2000 Euro kann man bei Deak/Budapest Werke von Irwin erwerben, für 600 Euro ist man bei den witzigen Wortzeichnungen von Niels Bonde dabei, welche zwei skaninavische Galerien im Programm führen. Traditionell gut vertreten sind diese Nordländer, erstmals ist die litauisch-britische Galerie Ibid dabei. Svetlana Hegers jetzt in Wien ausgestellte Wolford-Fotos (Auflage: drei) kosten 3000 Euro.

Einen Lifestyle-Design-Bezug, Stichwort Crossover, auf das man sich in Berlin gerne beruft, bringt Rocket/London mit Möbelskulpturen von Lars Wolter sowie Heimer & Vogel/ Berlin mit einer Soloschau des US-Künstlers John Tremblay (Lasercut-Alu-Bildskulptur, 7000 €). Passt alles gut zu Berlin, einer Stadt allerdings, die angeblich täglich elf Millionen Euro Schuldenzinsen zahlen muss. Das bedeutet auch heftige Sponsorensuche für künftige Art Forums, die es hoffentlich geben wird.
(DER STANDARD, Printausgabe, 2.10.2003)

Doris Krumpl aus Berlin

Link

art-forum-berlin.de

  • Beim diesjährigen Art Forum Berlin um 6200 Euro zu haben: Ola Kolehmainens "Who is afraid of red?", 2003 170 x 203 cm. C-print/Diasec. Edition 5, Galerie Anhava, Helsinki.
    foto: art forum berlin

    Beim diesjährigen Art Forum Berlin um 6200 Euro zu haben: Ola Kolehmainens "Who is afraid of red?", 2003 170 x 203 cm. C-print/Diasec. Edition 5, Galerie Anhava, Helsinki.

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