Gerücht als Waffe

9. Oktober 2003, 17:54
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Nun hat auch Präsident George Bush seinen "Fall Kelly" - Eine Kolumne von Paul Lendvai

In meiner Bibliothek gibt es zwei Bücher über die Geschichte des Gerüchts. Der Franzose Jean-Noel Kapferer bezeichnete es als "das älteste Massenmedium der Welt". Der deutsche Wissenschaftler Hans-Joachim Neubauer ("Fama") bewies durch eine Fülle von Hinweisen, dass Gerüchte Geschichte machen. Die Nachwehen des Irak-Krieges demonstrieren vor aller Welt, dass das politische Gerücht in der Tat mehr denn je eine Waffe ist, die zahlreiche Vorteile bietet: "Vor allem ermöglicht es, dass man sich selbst nicht offen zeigt. Die Quelle bleibt verborgen, unerreichbar und geheimnisvoll." (Kapferer)

In der vernetzten Welt der Informationsrevolution lässt sich aber das vorsätzlich verbreitete Gerücht auf merkwürdige Art und Weise nicht mehr steuern, ja es wird zu einem tödlichen Bumerang gegen die als Quelle identifizierten Regierungen und Politiker. Der tragische Fall des vermutlich in den Selbstmord getriebenen britischen Wissenschafters David Kelly dürfte noch mehr als der Krieg selbst dem britischen Labour-Premier Tony Blair geschadet haben. Nun hat auch Präsident George Bush seinen "Fall Kelly", der freilich noch gravierendere Auswirkungen im politischen Sinne haben könnte als der Fall des britischen Wissenschafters.

Im Mittelpunkt der Affäre sind ein ehemaliger hochangesehener amerikanischer Botschafter, seine für die CIA arbeitende Ehefrau und der vermutete Urheber der Indiskretion, Karl Rove, einer der engsten Mitarbeiter des Präsidenten. Die Fakten sprechen für sich. Der ehemalige Botschafter Joseph Wilson hatte nach einer im Feber 2002 im offiziellen Auftrag unternommenen Afrika-Reise der CIA und dem Außenministerium mitgeteilt, dass die Geschichte, wonach Saddam Hussein angereichertes Uran für die Produktion von Atomwaffen kaufen ließ, unwahr sei. Trotzdem wiederholte Bush in seiner "State of the Union"-Rede diesen Vorwurf. Erst nach dem Irak-Krieg räumte das Weiße Haus die peinliche Panne ein. Wilson enthüllte in einem am 6. Juli in der New York Times veröffentlichten Meinungsartikel die Vorgeschichte und warf dem Weißen Haus vor, unter einem falschen Vorwand den Krieg entfesselt zu haben.

Nur eine Woche später kam die Retourkutsche. Der bekannte Kolumnist Robert Novak verriet den Namen von Wilsons Ehefrau und bezeichnete sie als Mitarbeiterin der CIA. Fünf weitere Journalisten sind laut Wilson vom Weißen Haus mit Informationen über seine Frau versorgt und gedrängt worden, ihn zu diskreditieren. Informanten, die Geheimdienstmitarbeiter oder Agenten preisgeben, können zu Gefängnisstrafen bis zu zehn Jahren verurteilt werden. Das Justizministerium hat auf Betreiben des Auslandsgeheimdienstes eine Untersuchung der Vorwürfe eingeleitet.

Dass die Informanten im Weißen Haus sitzen, wird von einigen Journalisten bestätigt und Botschafter Wilson hat Zeugenaussagen dafür, dass Bushs Spitzenberater Rove, wenn er auch nicht selbst der Informant gewesen sein mag, davon wusste und das gezielte Leck an die Journalisten billigte. Die Aufregung und die Dementis aus dem Weißen Haus wirken ebenso scheinheilig wie die seinerzeitigen Ausreden von Blairs Kommunikationsdirektor im "Fall Kelly".

Die Geschichte verdichtet sich oft durch Zufall in Personen. So könnten sich die Versuche der Regierungen in London und Washington, die Enthüllungen über die "diskreten Indiskretionen", mit denen Kriegsgegner bestraft werden sollten, mit Einsprüchen und Dementis zu entkräften, als eine weitere Fehlkalkulation erweisen. Wie schrieb doch der französische Autor über das politische Gerücht: "Niemand ist verantwortlich, aber jeder weiß Bescheid."

(DER STANDARD, Printausgabe, 2.10.2003)

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