Raubtiere und der Rilke-Effekt

6. Oktober 2003, 18:56
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Spezies, die an große Territorien gewöhnt sind, neigen in Gefangenschaft besonders zu Verhaltensstörungen

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Rainer Maria Rilkes "Der Panther" und die Realität, die dahinter steckt: Raubtiere leiden in Gefangenschaft umso stärker, je größer ihr Jagdraum in der Natur normalerweise ist. Eisbären oder Löwen zum Beispiel sind einer Untersuchung britischer Wissenschafter zufolge besonders anfällig dafür, ein stereotypes Verhalten zu entwickeln, etwa den Kopf rhythmisch hin- und herzuschwenken; gleiches gilt auch für manche Pflanzenfresser wie indische Elefanten.

Im britischen Fachblatt "Nature" fordern die Wissenschafter deshalb, in Zoos die Haltungsbedingungen der Tiere wesentlich zu verbessern oder am besten ganz auf diese Tierarten zu verzichten.

Artenspezifisch

Experten wissen bereits seit längerem, dass einige Tierarten - etwa Schneeleoparden - in Gefangenschaft recht gut gedeihen, während andere gesundheitliche Probleme und Verhaltensauffälligkeiten entwickeln. Warum das so ist, haben Ros Clubb und Georgia Mason von der Universität Oxford untersucht. Tiere mit großen natürlichen Territorien neigen ihrer Studie zufolge in Gefangenschaft eher dazu, permanent im Käfig oder Freigelände auf- und abzuschreiten. Dazu gehören zum Beispiel Eisbären, denen in Gefangenschaft nur ein Millionstel ihres natürlichen Lebensraums zur Verfügung steht.

Weiter fanden die Wissenschafter, dass auch mehr Jungtiere dieser Arten in Gefangenschaft sterben. Oftmals sei dies auf eine schlechte Versorgung durch die Mütter zurückzuführen, schreiben die Forscher. Das Unterdrücken natürlicher Verhaltensmuster in Gefangenschaft fördere nicht nur Stress und Frust, sondern störe auch die Entwicklung solcher Gehirnregionen, die für das Verhalten zuständig sind. (APA/red)

Vgl. "Nature", (Bd. 425, S. 473)
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