Christian Ulmen in Interview zu "Herr Lehmann": "Ich wollte immer der Fernsehheini sein"

19. Juli 2004, 10:22
4 Postings

MTV-Star Christian Ulmen im Interview über seine Titelrolle in Leander Haußmanns Berlin-Tragikomödie "Herr Lehmann"

"Herr Lehmann", Sven Regeners literarischer Überraschungserfolg, kommt nun in der Leinwandversion von Leander Haußmann ins Kino. Mit dem MTV-Star Christian Ulmen, der sich hier an seine erste Hauptrolle beim Film gewagt hat, sprach Bert Rebhandl.

Berlin – Die 80er-Jahre sind gegenwärtig das goldene Zeitalter des deutschen Kinos. Alles, was die Gegenwart dem Anschein nach vermissen lässt, enthält die Ära der jungen Generation Golf reichlich: Warenfetische, neue deutsche Wellen und sogar Weltgeschichte. Herr Lehmann, die Romanfigur des Berliner Popmusikers Sven Regener (Element of Crime), verhält sich zu all dem distanziert.

Aus seiner Kreuzberger Nische im Schatten der Berliner Mauer beobachtet er den Gang der Dinge mit der Gelassenheit eines langjährigen Biertrinkers.

STANDARD: Herr Lehmann ist eine Figur, die bei der Lektüre des Buchs einen Charakter erhält, aber kaum eine Gestalt. Jetzt ist es heraußen: Er sieht aus wie Sie. Und trägt Sakko. Ist das nicht zu studentisch?

Ulmen: Aber nein. Das Sakko ist die Kleidung der unverbindlichen Leute. Damit kann man nichts falsch machen, egal, ob in einer Vorstandsetage oder am Tresen.

STANDARD: Nicht alle hielten Sie anfänglich für die Idealbesetzung. Warum fanden Sie sich selbst geeignet?

Ulmen: Herr Lehmann ist vermeintlich sehr gewöhnlich, wird aber gerade wegen seiner Normalität spannend. Davon konnte ich ausgehen. Andere Filme brauchen einen Hulk, wir nicht einmal eine Handlung im klassischen Sinn, weil es reicht, ihm zuzusehen, wie er sich durchschlägt.

STANDARD: Haben Sie etwas mit ihm gemeinsam?

Ulmen: Nicht mehr und nicht weniger als jeder andere auch. Er mag ein wenig verschroben sein, aber es wird jeder einen Charakterzug an ihm finden, der zu ihm passt.

STANDARD: Diese Eigenschaftslosigkeit funktioniert stark über Sprache. Das scheinen Sie zu betonen.

Ulmen: Er ist ein Mensch, der eher reagiert. Die mangelnde Verantwortung ist sein Problem. Musik ist auch nicht so sein Thema. Er sieht das Leben als Baustelle und hat sich nur für ein paar Verkehrszeichen entschieden. Zum Beispiel, dass das Wort Lebensinhalt keinen Sinn macht. Darüber kann er sich engagieren. Insofern ist er Sprachkritiker.

STANDARD: Herr Lehmann ist also keine Generationenfigur, wie es das Buch zumindest in Ansätzen nahe legt: kein unausdrücklicher Avantgardist in Sachen Ironie?

Ulmen: Ich habe den Auftrag zu spielen. Das sieht dann so aus, dass ich in einer Dönerbude einen Eifersuchtsanfall spielen muss, und dann sagt Leander vorher: In eurer Haut möchte ich jetzt nicht stecken. Das ist, glaube ich, nicht die Ironie, von der Sie reden.

STANDARD: Nein, aber das ist auch nicht der Punkt. Herr Lehmann ist Antipop in einem Film, der dann doch viel mit Popzeichen spielt, wie das deutsche Kino gegenwärtig insgesamt. Sie selbst haben in "Verschwende deine Jugend" einen snobistischen Kritiker in den Achtzigerjahren gespielt.

Ulmen: Ja, aber ich bin nicht der Popkulturheini, nur weil ich von MTV komme. Das meint man immer. Ich war so damit beschäftigt, den Lehmann zu spielen, dass ich zum Beispiel vom Soundtrack wirklich keine Ahnung habe.

STANDARD: Welche Szene erwies sich als besonders langwierig?

Ulmen: Na ja, die Schweinebratenszene war schon zentral. Da haben wir lange herumprobiert, ob die schnell zu sprechen ist oder langsam.

STANDARD: Karrieretechnisch gesprochen: Wo stehen Sie denn nach "Herr Lehmann"?

Ulmen: Ich wollte immer der Fernsehheini sein, schon als Kind. Da fängt das Schauspielern schon an. Man spricht da immer von Authentizität, aber das ist natürlich Quatsch. Mit zwölf wollte ich Günther Jauch sein, später dann Ulrich Meyer. Dadurch wurden diese Fernsehgeschichten anfangs natürlich sehr verkrampft.

STANDARD: Inzwischen leben Sie in Berlin, einer Stadt, die von konservativen Feuilletonisten neuerdings als "barbarisch" verunglimpft wird.

Ulmen: Da möchte ich keine Verantwortung übernehmen, weil es mich nicht interessiert. Die urbane Lebenskultur besteht aus so vielen Unterschieden, die kann ich gar nicht benennen.

STANDARD: An welche Unterschiede erinnern Sie sich denn aus Ihrer Biografie?

Ulmen: Mir wurden schon Unterschiede präsentiert. In der Familie gab es sogar noch katholisch und evangelisch.

STANDARD: Sie sind aber sehr flexibel.

Ulmen: Ich bin teilweise sogar ein ganz debiler Konsument.

STANDARD: Achten Sie auf Stil?

Ulmen: Wichtig ist, dass etwas konsequent ist. Insofern hat sogar Kerner irgendwie Stil.

STANDARD: Wäre das eine Alternative zum Kino: Talkmaster?

Ulmen: Dazu bin ich zu selektiv. Ich schaffe es nicht, Interesse für all die Leute aufzubringen. Nicht einmal für alle in meinen Sendungen.

STANDARD: Was sehen Sie selber im Fernsehen?

Ulmen: "Kanzlerbungalow" auf WDR hat so kleine Höhepunkte. Da sieht man, es ist doch noch etwas möglich. Ich mag Formate, die so ein bisschen gedrechselt sind. Wo die Komik im Schnitt entsteht. Ich dachte früher immer, ich wäre ein Witzeerzähler.

STANDARD: Herr Lehmann ist aber ein Witzezerleger.

Ulmen: Das mag ich ja so an ihm.
(DER STANDARD, Printausgabe, 2.10.2003)

Zur Person

Christian Ulmen (29), bereits als Zwölfjähriger in Hamburg fürs Radio tätig, moderierte ab 1996 "MTV Hot", seit 2000 "Unter Ulmen", seine eigene MTV-Comedyshow.

Links

herr-lehmann.de

Filmladen Verleih

  • Christian Ulmen
    foto: filmladen

    Christian Ulmen

Share if you care.