Feministische Voest-Gedankensplitter

12. Oktober 2003, 19:51
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Zur Privatisierung einer Arbeitsplatzgeberin - Ein kritischer feministATTAC-Kommentar von Angelika Hofmann und Karin Lukas

Natürlich, die Voest ist ein staatsträchtiges Unternehmen mit einer langen österreichischen Geschichte. Fast schon ein Objekt des Nationalstolzes - und, muss frau hinzufügen - ein Objekt des Männerstolzes. Die VOEST verkörpert den ehernen Metaller, der sich mit aller Kraft gegen eine Verschlechterung seiner Arbeitsbedingungen wehrt. Daher verwundert es nicht, dass den Privatisierungsplänen der Bundesregierung ein Aufschrei der Empörung folgte.

"Versorgungsökonomie"

Weitgehend unbeachtet wird gleichzeitig die Privatisierung der "Versorgungsökonomie" vorangetrieben, etwa im Gesundheitsbereich, wo Krankenpflegerinnen als freie Dienstnehmerinnen angestellt werden. Das wird als "notwendige Flexibilisierung" akzeptiert.

Ungeachtet des beschränkten Nutzens der Arbeit der VOEST für die Allgemeinheit ist ihre Bedeutung als Arbeitsplatzgeberin für ein sehr weites geografisches Einzugsgebiet sowohl in Oberösterreich als auch in der Steiermark unbestritten. Mit der Privatisierung ist Arbeitsplatzabbau vorprogrammiert, unabhängig davon, ob die VOEST später das Los von Semperit teilen wird oder ein "leistungsstarker, effizienter" Betrieb wird. Denn die VOEST ist ein börsennotiertes Unternehmen, und Börsenkurse steigen mit der Bekanntgabe von Arbeitsplatzabbau.

Angebliche Geheimabstprachen?

Worum geht es nun eigentlich wirklich bei der Privatisierung der VOEST? Sind es tatsächlich die angeblichen Geheimabsprachen mit einem bestimmten Bieter, die moralisch und rechtlich zweifelhaft sind?

Wohl kaum. Im Kern geht es darum, das Eigentum von allen Steuerzahlern und Bewohnern in Österreich - und dies sind immerhin zu 52% Frauen - zu einem möglichst günstigen Preis in die Hände von Privatunternehmern, meist Männern, zu überführen. Faktum ist, dass eine sehr begrenzte Personengruppe von diesem "Deal" profitiert. Neben diesem grundsätzlichen Problem ist ein "Nebeneffekt" der stark unter dem Wert des Unternehmens liegende Übernahmepreis.

Zerüttung

Die Privatisierung so großer Betriebe wie der VOEST kann zur Zerrüttung des regionalen Gesellschaftsgefüges führen. Die Zukunftsperspektiven von Familien werden schweren Umbrüchen ausgesetzt, was wiederum mehr Gewalt im Privaten bedeuten kann, etwa wenn der Druck durch Unsicherheit und Arbeitslosigkeit nicht mehr zu bewältigen ist. Auch strukturelle Gewalt wird durch den Faktor, dass einige Menschen/Institutionen durch Privatisierung die Verhärtung des sozialen Klimas vorantreiben, auf die Betroffenen ausgeübt. Diese Auswirkungen werden primär Frauen zu bewältigen haben.

Nachlese

--> Standpunkt zum Standort
--> Öffentliche Beihilfe zum Steuerschwindel
--> Vollbeschäftigung ist aus, ...
--> In die Krise steuern
--> Für die Gesunden wird's billiger
--> EU: Wasser ist Ware – und sonst nichts
--> Der Preis des langen Lebens
--> Schenkungssteuer für alle
--> Brennpunkt Brennerautobahn
--> EU-Zinsregelung: Kuhhandel mit Folgen
--> Gentech: WTO gegen Demokratie
--> Mit uns ist zu rechnen
--> Vergessene Schrauben der Pensionen
--> Gender im neuen Budget
--> Venezuela: Erstes Land mit Tobinsteuer
--> Die geraubte Wunschfigur
--> Haftung für Diktaturen
--> Wege aus der Schuldenkrise
--> Synergien für Renditejäger
--> Bankgeheimnis und Globalisierung
--> Das schwarze und das blaue Gold
--> US-Kriegslogik: Lokal denken, global handeln
--> GATS oder der Angriff auf die armen Länder

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen. Unter dem Motto "Globalisierung braucht Gestaltung" schreibt ein Team von ATTAC Austria ein Mal wöchentlich einen Kommentar.

"ATTAC ist ein globales Netzwerk von Globalisierungs- kritikerInnen, das 1998 in Frankreich entstanden und seither in 40 Ländern weltweit aktiv geworden ist. In dieser Kolumne nimmt ATTAC Stellung zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen und stellt Alternativen zur neoliberalen Globalisierung vor."

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ATTAC Austria

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    montage: derstandard.at
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