"Leakgate": Eine ernste Sache für Präsident George Bush

3. Oktober 2003, 18:09
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72 Prozent der Amerikaner glauben, dass das Weiße Haus hinter dem Skandal um die Enthüllung des Namens einer CIA-Agentin steckt

Laut jüngsten Umfragen glauben 72 Prozent der Amerikaner, dass das Weiße Haus in den Skandal um die Enthüllung des Namens einer CIA-Agentin involviert gewesen sein könnte. Die demokratische Opposition fordert immer lauter die Einsetzung eines Sonderermittlers.

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Wenn man davon ausgeht, dass die Umfragen führender US-Medien ein zuverlässiges Abbild der nationalen Stimmungslage liefern, dann ist Präsident George W. Bush in ernsten Schwierigkeiten. Die Affäre um die Enthüllung der Identität einer Botschafterin als CIA-Agentin, die ein Racheakt des Weißen Hauses an einem Kritiker des Irakkrieges sein könnte, schlägt jedenfalls immer größere Wellen.

Eine Umfrage von Washington Post und ABC News hat ergeben, dass sich 70 Prozent der Befragten für die Einsetzung eines Sonderermittlers in der Affäre aussprechen, 72 Prozent können sich vorstellen, dass die Informationen aus dem Weißen Haus stammten; 80 Prozent halten die Angelegenheit für "ernst" und 34 Prozent sind der Ansicht, Bush habe Kenntnis von dieser Aktion gehabt.

Auch einen Namen hat der jüngste Skandal in Washington bekommen - "Leakgate". Das "Leck", durch das der bis dahin streng gehütete Name einer CIA-Agentin an die Öffentlichkeit gelangte, könnte sich im direkten Umkreis von Präsident Bush befinden. Der konservative Kolumnist Bob Novak hatte Mitte Juli "zwei hochrangige Regierungsbeamte" zitiert, denen zufolge Ex-US-Botschafter Joseph Wilson für die CIA nach Niger gereist war, um zu recherchieren, ob Saddam Hussein Versuche unternommen habe, dort jemals Uran einzukaufen. Eingefädelt habe die ganze Aktion Wilsons Gattin, die CIA-Geheimagentin Valerie Plame.

Vor wenigen Tagen erklärte Wilson, er betrachte dieses "outing" seiner Frau als Racheakt des Weißen Hauses, da die Ergebnisse seiner Niger-Reise der Bush-Regierung nicht ins Konzept gepasst hätten. Darüber hinaus halte er es für möglich, dass der politische Chefstratege des Präsidenten, Karl Rove, seine Hand im Spiel gehabt habe. Das Weiße Haus dementierte heftig und Wilson zog diese Äußerung später zurück. Dennoch wollen die Gerüchte um die Involvierung des politisch mit allen Wassern gewaschenen Rove nicht verstummen.

Derzeit ermittelt das US-Justizministerium unter dem von Bush eingesetzten Ressortchef John Ashcroft in der Sache, was den Demokraten weitere Munition liefert: Um sicherzustellen, dass die Untersuchungen unabhängig blieben, solle Ashcroft einen Sonderermittler ernennen, lautet deren eindringliche Forderung. Immerhin war Rove einst ein bezahlter Ratgeber Ashcrofts, als dieser um das Amt eines Gouverneurs bzw. Senators für den US-Bundesstaat Missouri kandidierte. Bush hat seine Mitarbeiter aufgefordert, mit der Justiz zusammenzuarbeiten: "Ich will die Wahrheit wissen." Die Republikaner versuchen indes, Wilson als voreingenommen zu zeichnen: Wilson habe den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry finanziell unterstützt. Zur Suche nach Massenvernichtungswaffen des Irak berichtete die New York Times indes am Donnerstag, dass die Regierung Bush zusätzliche 600 Millionen Dollar vom Kongress verlangen wolle. Die Untersuchung hat bis jetzt schon 300 Millionen Dollar verschlungen. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2003)

Susi Schneider aus New York
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    George W. Bush unterstützt die Untersuchungen des Justizministeriums im Weißen Haus in Zusammenhang mit der Enttarnung einer CIA-Agentin

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