Indonesien - "Opfer des Terrorismus"

3. Oktober 2003, 19:49
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"Schwacher Staat begünstigt Extremismus" - Konflikte in Aceh und auf den Molukken

Wien - Der indonesische Generalleutnant Agus Widjojo, der sich derzeit auf Besuch in Österreich befindet, betrachtet sein Land als "Opfer des internationalen Terrorismus". Bei einer Vortragsveranstaltung am Dienstagabend in Wien sprach der hohe Offizier über den Demokratisierungsprozess in Indonesien und äußerte sich zur Situation in der Provinz Aceh und auf den Molukken.

"Schwacher Staat begünstigt Extremismus"

"Die Demokratie in Indonesien steckt noch in ihren Kinderschuhen. Dort wo die Durchsetzung von Recht und Ordnung noch schwach ist, wird der Terrorismus begünstigt", führte Widjojo aus. Indonesien sei zu einer "sekundären Front für terroristische Aktivitäten" geworden, so der Generalleutnant weiter, der zu den "Reformisten" innerhalb des indonesischen Militärs gilt und sich für eine Unterordnung der Armee unter die zivile Verwaltung einsetzt.

Der regionale Vorsitzende der moslemischen Sozial- und Bildungsorganisation Nahdatul (auch Nahdlatul; Anm., NU) für Jakarta, Masud Mahfut, teilte die Opfer-Theorie Widjojos. Mahfut macht vor allem die unqualifizierte und missbräuchliche Verbreitung von Lehren für die Entstehung islamistischen Extremismus verantwortlich.

"Land des Terrors"

Der Vorsitzende warnte davor, den Islam mit Terrorismus und die USA mit Demokratie gleichzusetzen und wehrte sich dagegen, Indonesien als ein "Land des Terrorismus" zu bezeichnen, wenn Indonesier auch federführend an den Anschlägen in Bali im Oktober 2002 und auf das Mariott-Hotel in Jakarta im August dieses Jahres beteiligt gewesen seien.

Zur Lage in der mit erdöl- und erdgasreichen Provinz Aceh, über die der Ausnahmezustand verhängt ist, betonte Generalleutnant Widjojo, dass es sich nicht um religiöse Extremisten, sondern um Separatisten handle. Die Aufständischen der Bewegung Freies Aceh (GAM) würden allerdings die Herausbildung von radikal islamistischen Elementen unterstützen.

"Klima der Rache"

Trotz des Sonderstatus von Aceh innerhalb Indonesiens bestehe "gesellschaftliche Unzufriedenheit" wegen des Verhältnisses zur Zentralregierung. Auf die Frage, wie man in der Bürgerkriegsregion wieder Frieden herstellen könne, antwortete Widjojo "Schießen", fügte aber hinzu: "Der Konflikt kann letztendlich nur gewonnen werden, indem man die Herzen und die Überzeugung der Menschen gewinnt."

Anders gelagert ist laut Widjojo die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Christen auf den Molukken. Hier sei die Zentralregierung keine Konfliktpartei. "Die gute Nachricht ist, dass es gelungen ist, Gouverneurswahlen abzuhalten", sagte der Offizier. Für bedenklich hält er jedoch die Trennung der molukkischen Polizei in moslemische und christliche Einheiten sowie das "Klima der Rache".

Die NU ist mit mehr als 45 Millionen Mitgliedern die weltweit größte Moslem-Organisation. Sie vertritt eine pluralistische und liberale Auslegung der islamischen Lehren. Im Übergang zur Demokratie spielen das säkulare indonesische Militär und NU eine maßgebliche Rolle. Der Vorsitzende von NU für ganz Indonesien, Hasyim Muzadi, der sich dieser Tage auch in Österreich befunden hatte, könnte sich um das Amt des indonesischen Präsidenten bemühen, der im Juli 2004 erstmals durch das Volk gewählt wird.

In einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit der Tageszeitung "Die Presse" hatte Muzadi erklärt: "Wir sind die Opfer der Radikalisierung...Der Radikalismus ist die Macht der Machtlosen". Muzadi sieht derzeit keine wachsende Unterstützung für die indonesischen Terrorgruppen wie Jemaah Islamiya. Beim Prozess um die Anschläge von Bali sei es zu keinen Massendemonstrationen gekommen, betonte er. (APA)

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