"Bad mit Musik statt Akkord am Bett"

3. Oktober 2003, 21:56
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Der Pflegeskandal wird aufgearbeitet: Grenzen und Möglichkeiten der Altenpflege

Der Pflegeskandal wird aufgearbeitet: Grenzen und Möglichkeiten der Altenpflege waren Thema des Montagsgesprächs von STANDARD und Radio Wien. Andrea Waldbrunner fasst die emotionale Debatte zusammen.

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"Meine Mutter genießt ein Erlebnisbad mit Musik. Ich lobe sie oft und erinnere sie, dass sie einmal eine gute Sportlerin war. Sie hat eine sehr feine Antenne für die Grundstimmung rund um sie. Darauf sollte man achten, nicht ob auf der Bettwäsche ein Fleck ist." Eine Frau aus dem Publikum, die ihre 93-jährige Mutter zu Hause pflegt, hat mit ein paar persönlichen Worten umrissen, was sich Experten und Expertinnen als Idealzustand für die Pflege alter Menschen vorstellen. Egal, ob die Pflege zu Hause von Angehörigen oder im Heim gemacht wird - darüber waren sich auch Experten und Expertinnen beim Montagsgespräch zur "Zukunft der Kranken- und Altenpflege in Österreich" einig.

Es wurde aber unter der Moderation von STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl rasch deutlich, dass es im Pflegesystem an wesentlichen Punkten mangelt. "Skandale" wie jene jüngst im Geriatriezentrum "Am Wienerwald" oder im AKH Wien aufgedeckten, sind Ausdruck eines Systems, dass an organisatorisch und finanziell an Grenzen stößt. Um drei zentrale Bereiche drehte sich die Diskussion: Arbeitsbedingungen, Ausbildung, und Rehabilitation.

Um beim letzten Punkt zu beginnen: Mit dem Begriff der Rehabilitation müsse eine grundsätzliche Haltungsänderung zwischen den Generationen stattfinden. Peter Gathmann, Leiter der psychosomatischen Abteilung am Wiener AKH, hält eine Sensibilisierung der Jüngeren im Umgang mit alten Mitbürgern für unumgänglich. Die Solidarität zwischen den Generationen sei praktisch nicht vorhanden.

Dringend umdenken

"Nicht ins Bett betreuen" solle man Älterwerdende, kritisiert Pflegeforscher Erwin Böhm das bestehende Betreuungssystem, die "Alten aufzubewahren". Die Finanzierung über das Pflegegeld, das der Bund an Bedürftige zahlen, damit sie sich Pflege kaufen können, fördere dies massiv. Eher müsse die Rehabilitation der Älteren darauf angelegt werden, sie für ein eigenständiges Leben zu Hause fit zu halten. Ein Krankenpfleger aus dem Publikum liefert dazu den praktischen Vorschlag: "Ich kenne meine stationären Patienten sehr gut. Wieso kann ich sie später nicht auch zu Hause weiterbetreuen?"

Für das Pflegepersonal schlägt Gathmann dazu vor, deren "psychosoziale Kompetenz" zu stärken. Um sie vor dem "Ausbrennen" im Beruf zu schützen, müsse die "Psyche der Seele der Pflegenden" gestärkt werden.

Supervision wünscht sich auch Helga Manger-Kogler, Krankenhausmanagerin, für ihre Mitarbeiter, derzeit würde Akkordarbeit am Bett geleistet. Die Vorstellungen des Pflegepersonals drehen sich zuerst aber um ganz andere Dinge: Sie wollen mehr Geld für ihre Arbeit, bessere Arbeitszeiten, Anerkennung ihrer Tätigkeit, umreißt Christine Ecker, Präsidentin des Österreichischen Krankenpflegeverbandes. Das Grundgehalt sei zu niedrig, die Arbeitsbedingungen frauen- und familienfeindlich, die ihrer Ansicht nach geringen Zulagen für Feiertagsdienste seien nicht pensionswirksam.

Allerdings bestehen auch innerhalb des Pflegepersonals Differenzen, wie der Dienst organisiert sein soll, weiß die Wiener Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann aus einer Mitarbeiterbefragung zu berichten. Viele würden lieber zwölf Stunden durchgehend Dienst leisten und dann länger frei haben, anstatt wie in anderen Berufen acht Stunden täglich zu arbeiten. Pittermann gibt sich überzeugt, dass das Pflegesystem in Wien ein gutes sei. Christoph Klein von der Arbeiterkammer Wien, schlägt vor, auch für den Pflegedienst flexiblere Arbeitszeitmodelle anzudenken. Ob statt wie bisher zweimal zwölf Stunden auf den Stationen gearbeitet werde oder dreimal acht Stunden, sei doch egal. Derlei "Dienstradln" könnten parallel laufen.

Geld und offene Posten

Bei der Forderung nach mehr Geld weiß Politikerin Pittermann auszuweichen, da es in Zeiten knapper Budgets kaum aufzutreiben ist. Immerhin hat die Stadt Wien nach dem Auffliegen des Lainzer Pflegeskandals versprochen, Verhandlungen aufzunehmen. Bei der Stadt sind aber ohnehin viele Jobs im Pflegebereich unbesetzt. Trotz einer praktisch unkündbaren Anstellung im Landesdienst würde sich kaum jemand bewerben. Kein Einzelfall in Österreich, überall laufen Bemühungen, durch Imagekampagnen Abhilfe zu schaffen.

Den Personalmangel in den Griff zu kriegen ist für Marianne Kriegl keine Frage der Imagewerbung. Die Direktorin der Niederösterreichischen Landesakademie für Fortbildung in der Pflege versucht die zuständigen Ministerien seit langem zu überzeugen, die Pflegeausbildung ins Regelschulwesen zu übernehmen. Damit würde sich erstens eine klare Zuständigkeit beim Bildungsministerium ergeben, zweitens wäre eine durchgängige Karriere nach der Pflichtschule bis zum Universitätsstudium möglich.

Auch ein eigenes Studium der "Pflegewissenschaften" gehöre endlich eingeführt. Derzeit könne man nicht einmal eine Fachmatura ablegen. Ein Problem sei auch, dass die Krankenanstalten nur für den Eigenbedarf ausbilden. Die Pflege sei da kaum vorgesehen. Arbeiterkämmerer Klein unterstützt die Forderung auch als Voraussetzung für bessere Entlohnung: "Je höher die Ausbildung, desto schwieriger ist es für den Arbeitgeber, bei Lohnforderungen Nein zu sagen." (DER STANDARD; Printausgabe, 1.10.2003)

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